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Montag, 30. August 2010

Himmel oder Hölle (Teil 1 von 7)

Kapitel 1: Geborgenheit in mir

Immer weiter, immer weiter. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde – meines Lebens. Ich kann nicht stoppen. Ich muss voran, es ist so.
Meine Augen sind so schwarz wie Lakritze, mein Haar so weiß wie Entendaunen. Wie Entendaunen in meinem Kissen, auf das ich mich abends niederlege, um zu schlafen und zu träumen, von einer besseren Welt. Nichts passiert mir, wenn ich schlafe.
Doch wenn ich wach bin, gehe ich zum Spiegel, ziehe meinen Anzug an. Er war mal schwarz. Ich trug ihn damals an jenem Tag, jenen Tag der großen Traurigkeit. Nichts ist mehr wie es war.
Der Anzug ist von der Sonne und der Traurigkeit, die ich in mir trage, ausgebleicht. Sorgen und Ängste. Ich muss sie wie wilde Pferde zähmen. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde meines Lebens.
Ich bin heute 60 geworden und keiner hat’s gemerkt. In einigen schwarzen Strähnen spüre ich noch die Tage meiner Jugend.
Ich schiebe meine graue Gardine zur Seite. Es regnet. Mein Blick verfängt sich in den Baumwipfeln der Zukunft. Man ruft mich. Ich muss gehen.
Schritt für Schritt nehme ich die Treppe hinunter, in der rechten Hand den blauen Regenschirm von ihr. Von dem Menschen, den ich am meisten geliebt habe in meinem Leben.
Zurück blieb eine Narbe auf meinem Herzen. Es schlägt trotzdem, obwohl es tausendfach gebrochen ist.
Schritt für Schritt gehe ich die Straße entlang, durch mein Viertel. Hinter mir liegt ein Gebäude des Schlafes und vor mir das Haus, das ich wachrütteln muss. Es kann soviel Leid geschehen. Wenn sie nur wüssten, was ich meine.
Die feinen Regentropfen streicheln meine Haut und verfangen sich in meinem grauen Bart. Mein Kopf kippt nach hinten. Mit der Zunge fange ich die Tropfen auf. Sie schmecken gut. Ich fühle mich gut. Ich rieche die Frische des Sommers. Ich breite die Arme aus. Die Leute hinter den Fenstern, die die Köpfe schütteln, spüre ich in meinen Gedanken. Es hämmert.
Gott, der den Regen uns Menschen schickt, macht den Regen stärker. Ich weiß, er weint um die Menschen hinter den Fenstern, weil sie keine Freude mehr haben, an der Natur, an Menschen, die so sind wie ich.
Der Regen, er trommelt auf meiner Haut. Ich brauche Schutz vor soviel Angst.
Ich halte den Griff des Regenschirms mit einer Hand fest, drücke auf den kleinen roten Knopf und verwandle ihn in die Gestalt, die ich brauche. Schutz, Schutz und nochmal Schutz.
Innerlich knie ich auf dieser Straße und bete, dass ich ein Zeichen bekomme. Nur eines, nach all der Zeit, nach all der Trauer. Wo ist es?
Mein Schirm ist kaputt. Zwei spitze Stäbe ragen in die Welt und der Stoff umschließt sie nicht mehr, weil er müde ist. Er ist müde vom Aufrechtgehen.
Ich bleibe vor dem Haus stehen. Ich summe vor mich hin. Meine alten Verse aus alter Zeit, als ich noch Kind war. Ich spreche sie in Aramäisch. Ich fühle mich sicher und geborgen. Mein Herz wird warm. Ich denke an meine Großeltern in Damaskus. So herzlich. Nichts kann mir passieren. Ich wiederhole die Worte. Die Melodie ist einfach. Sie wiegt meinen Geist wie eine Mutter ihr Baby. Ich fühle mich so wohl. Ich schreite zur Haustür. Meine Füße fallen vorwärts wie bei einer Marionette. Ich muss es tun. Weil es wichtig ist. Weil es so sein muss. Sonst kommt das große Unglück.
Ich will nicht, dass diesen Menschen Unglück widerfährt. Nicht ihnen. Ich strecke meinen Arm aus. Ich bin fast zu müde ihn zu heben. Mit meinem gekrümmten Zeigefinger ziele ich auf das Haus. Wenn ich doch nicht so müde wäre. Der Regen fällt und in meinem Schädel höre ich das Echo des alten Refrains aus alten Tagen meiner Kindheit.
Ein Auto hält, ein Mann steigt aus. Sein Blick so düster. Seine Gesichtszüge verzerrt. Ich erstarre. Ich bin eine Salzsäule meiner Gefühle. Gefangen in der Angst. Ich brauche Hilfe, ja, das brauche ich. Wer hilft mir?
Ich renne, ich renne weg. Immer weiter. Ich kann kaum noch atmen. Mein Herz schlägt wild. Was habe ich getan?