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Mittwoch, 1. September 2010

Himmel oder Hölle (Teil 2 von 7)

Kapitel 2:Entscheidungen

Was soll ich sagen? Es ist anstrengend. Zehn Beerdigungen diese Woche. Es ist nicht leicht. Pfarrer sein. Immer ein offenes Ohr für die Menschen. Selbst Probleme haben ist nicht vorgesehen. Meine Frau. Sie spricht immer wieder von einer Trennung. Sie will woanders hin. Weg. Weg aus diesem Viertel. Ich bin doch der Pfarrer. Ich will es nicht. Und es darf nicht sein. Ich bin verzweifelt. Mein Gott, was soll ich nur tun?
Ich bin mit dem Auto ganz langsam durch die Straße gefahren. Ein Mädchen spielt Himmel und Hölle. Ich sehe die Kästchen, die sie mit weißer, roter und blauer Kreide auf den Steinen gemalt hat. Sie steht auf der 5. Nun geht es in die Hölle, dahinter ist schon der Himmel. Oh, ja, es gibt nur eine feine Linie zwischen Himmel und Hölle. Eine feine Linie zwischen Glück und Pech. Und zwischen Zusammensein und Sich-Trennen.
Ich stelle mein Auto vor dem Haus ab. Ich bleibe sitzen. Das ist schon wieder dieser alte verrückte Mann, der mich an Charlie Chaplin erinnert. Sein verwaschener, schwarzer Anzug. Er hat keinen Stock, er hat diesen blauen, kaputten Regenschirm. Er läuft jedes Mal auf unser Grundstück. Warum macht er das nur? Er läuft durch die Blumenbeete. Manche Blumen sind umgeknickt. Letzte Woche war ein nasser Fleck an unserem Rhododendronbusch. Ob er wohl hingepinkelt hat? Ich muss mit ihm reden. Das soll endlich aufhören. Ich habe schon genug Last. Kann mich Gott nicht hören? Warum schickt er mir nicht jemanden? Warum gibt er mir kein Zeichen? Was soll ich tun, damit meine Frau bleibt?
Ich steige endlich aus dem Auto aus. Zeit, etwas zu tun. Ihm zu sagen, dass er es nicht mehr tun soll. Er rennt weg. Was ist passiert? Und das kleine Mädchen hüpft aus dem roten Hölle-Kästchen heraus. Sie rennt dem alten Mann hinterher. Ich stehe vor der Glastür unseres Hauses. Mein Anzug spiegelt sich. Er ist schwarz. Ist es Zufall?