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Dienstag, 7. September 2010

Himmel oder Hölle (Teil 7 von 7)

Ich blicke zurück
„Ich habe meine Heimat gesucht und gefunden. Amen.“, denkt der alte Mann und lächelt im tiefsten Grunde seines Herzens. Direkt in die Gesichter seiner Nachbarn. Das kleine Mädchen, das in uns allen steckt und die Menschen zu verbinden mag, lebt überall.

Ich blicke nach vorn
Regentropfen kühlen meine Stirn und meine Gedanken. Ich spüre einen Weg in mir. Meine Frau fühlt meine Berufung. Ich weiß es. So hat sie sie noch nie erlebt. Und ich auch nicht. Ich flüstere in ihr Ohr, während der alte Mann und das Mädchen singen. „Wir tun, was du für richtig hälst.“ In ihren Augen glänzt die Schönheit ihrer Seele. „Wir gehören hierher.“ Meine Seele schwingt sich empor und landet direkt im Himmel. Er ist wirklich der Hölle so nah. Der alte Mann hat mir den Himmel gebracht. Und ich habe den alten Mann lange als störend empfunden. Nur, weil er anders ist. Weil er anders spricht. Weil er anders handelt. Nun bin ich anders. Ich fühle mich anders. Und ich bin glücklich in meinem innersten Kern. Er schwingt mit der Melodie.

Sonntag, 5. September 2010

Himmel oder Hölle (Teil 6 von 7)

Kapitel 6: Hoffnung?
Ich stehe am gekippten Wohnzimmerfenster. Meine Frau neigt ihren Kopf. Blonde Strähnen fallen ihr ins Gesicht, als sie von ihrem Stuhl aufsteht. „Was ist da los?“ Sie steht so nah bei mir, wie schon lange nicht mehr. Ich rieche den Duft ihrer Haare, ihrer Haut. Was ist aus uns geworden?
Sie streift mit ihren Worten mein Herz. „Singen die beiden für uns?“ In ihren Augen sind Tränen. Ich hebe meine Hand, nehme sie mit meinem Zeigefinger auf. Sie riechen salzig. Tränen der Freude, denke ich. Sie legt ihren Arm um mich. „Hast du nicht auch das Gefühl, dass es ein Zeichen ist?“ Ich fühle mich blind. Warum habe ich es nicht gesehen? Der Mann in schwarz. Ich in schwarz. Wir haben nicht nur diese äußere Schale gemeinsam. Wir suchen beide nach Hoffnung, auf eine bessere Welt, bessere Zukunft. Ich erhebe meinen Kopf. Er war schon so lange gesenkt. Ich gehe nach draußen. Nach draußen zu dem alten Mann und dem Mädchen. Ich singe den Refrain mit. „Täh-tih, täh-tih, simm-täh tih.“ Ich singe in einer Sprache, die ich nicht spreche. Aber ich liebe die Melodie.
Meine Frau, sie steht auf der Türschwelle. Sie zögert. Der alte Mann. Er winkt sie heran. Mit mühsamen kleinen Schritten nähert sie sich. Dann ein plötzlicher, großer Schritt. Ein Schritt ihres Herzens. Sie hat mit ihrem Herzen entschieden. Sie stellt sich zu dem kleinen Mädchen, das sie einst war. Wir singen gemeinsam. Und wir beginnen zu tanzen. Obwohl es regnet. Obwohl es regnet, sind wir fröhlich auf unserem Weg zu uns selbst. Und sind dankbar für die Menschen, denen wir begegnen.

Samstag, 4. September 2010

Himmel oder Hölle (Teil 5 von 7)

Kapitel 5: Werkzeug Gottes?
Ich bete meine Refraine. Das Mädchen neben mir lächelt. Ich fühle Wärme und Licht. Mein Kern. Er schwingt so rein und klar. Wie nie zuvor. Ach, könnte sie mich nur sehen. Tabitha. Ich wiederhole ihren Namen. Tabitha. Ich singe. Das Mädchen strahlt mich an. „Das hört sich toll an.“, sagt sie. Sie beginnt mitzusummen.
Das Mädchen. Ihre Stimme schwingt sich hoch. Sie summt und hüpft. Auf und ab. Ich sehe ihre Freude.
Tränen finden ihren Weg aus meiner Seele. Endlich kann ich weinen. Ich danke Gott. Ich fühle mich wach. Rein gewaschen von der Trauer, die mich so lange müde machte. Leichtigkeit in meinem Herzen. Ich atme tief durch.
Herr, gib mir Kraft, singt mein Herz. Ich wiederhole den Refrain. Das Mädchen beginnt nun mitzusingen. Die Fenster öffnen sich. In der ganzen Straße. Vor dem Haus des Pfarrers stehen wir. Tabitha ist wieder zum Leben erweckt. Ich fühle sie in meinem Herzen, obwohl sie tot ist. Die Müdigkeit fällt von mir ab, wie eine alte Haut.
Ich singe Tabithas Lieblingslied. „Sim Tate“. Täh-tih, täh-tih, simm-täh-tih. Das Mädchen singt den Refrain nach. Sie kennt die Worte nicht, aber sie liebt die Melodie. Wir singen zusammen. Ich erhebe meine Stimme. „Täh-tih, täh-tih, simm-täh tih.“ Sie kichert und singt auch lauter. Es ist so schön. Ich bin nicht allein.

Himmel oder Hölle (Teil 4 von 7)

Kapitel 4: Worte sind nur Worte
Meine Frau sitzt am Esstisch. Sie liest ein Buch. Ein vertrautes Bild. Sie sieht mich. Und steht auf. „Hast du darüber nachgedacht?“ Ich habe keine Chance. Ich muss antworten. Jetzt und hier. Nichts ist für ewig, denke ich. „Gib mir eine Chance.“, höre ich mich sagen oder soll ich sagen flehen. Sie schüttelt den Kopf, nur leicht, aber genug, um das Nein wahrzunehmen, das sich hinter ihrer Meinung versteckt. Es ist so schrecklich. „Entscheide dich.“, sagt sie. Das Telefon klingelt. „Willst du nicht drangehen?“, fragt sie. Wahrscheinlich wieder eine Beerdigung, die mich ruft. Aber der Tod einer Beziehung kann einen mehr begraben, als einem lieb ist. Lebendig begraben. Diese Worte spuken in meinem Kopf umher. „Nein, wir müssen jetzt reden.“, sage ich. Das Wohnzimmerfenster ist gekippt. Ich höre eine Melodie. Es klingt wie ein Lied, das ich nicht kenne. Aber ich spüre, dass es mir Kraft gibt. Woher kommt dieses Gefühl?

Freitag, 3. September 2010

Himmel oder Hölle (Teil 3 von 7)

Kapitel3: Woran erkenne ich einen Engel?
Meine Hände zittern. Mir ist so kalt. Ich wiederhole den Refrain immer wieder. Meine Mission ist so nah. Was war das? Ich wende meinen Kopf. Oh, ich kann ihn kaum bewegen. Jede Bewegung schmerzt, wenn man müde ist. Diese Müdigkeit, wann wird sie gehen?
Ich bin so erstaunt. Es ist ein kleines Mädchen mit brünettem Haar, zu zwei Zöpfen geflochten. Ihre blauen Augen leuchten. Ein Licht von ungeahnter Intensität. Ich halte eine Hand vor meine Augen. Sie blendet mich, ihre Reinheit. Die Reinheit ihres Wesens.
„Ich sehe dich oft.“, sagt sie. Ich nicke. Das geht so schwer, aber ich mache es. „Doofes Wetter“, entgegne ich. Und bereue die Worte, in dem Moment, in dem ich sie ausgesprochen habe.
Sie deutet mit ausgestrecktem Arm zu dem Haus. „Ich habe gesehen, wie du ihn erschreckt hast.“ Ich nicke, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll. Sie lächelt mich an. Mit dem Lächeln eines Engels. „Weißt du was?“ Eine kurze Pause entsteht. Ich bekomme ein Gefühl von Ewigkeit. „Nein.“, sage ich. Das kleine Mädchen verlagert unruhig ihr Gewicht von einem Bein aufs andere. „Ich weiß, warum du das machst.“
Es berührt die innere Schale meines Seins. Ich fühle Licht. Und Wärme auf meiner Haut. Obwohl es regnet. Mein Herz. Was ist nur los?

Mittwoch, 1. September 2010

Himmel oder Hölle (Teil 2 von 7)

Kapitel 2:Entscheidungen

Was soll ich sagen? Es ist anstrengend. Zehn Beerdigungen diese Woche. Es ist nicht leicht. Pfarrer sein. Immer ein offenes Ohr für die Menschen. Selbst Probleme haben ist nicht vorgesehen. Meine Frau. Sie spricht immer wieder von einer Trennung. Sie will woanders hin. Weg. Weg aus diesem Viertel. Ich bin doch der Pfarrer. Ich will es nicht. Und es darf nicht sein. Ich bin verzweifelt. Mein Gott, was soll ich nur tun?
Ich bin mit dem Auto ganz langsam durch die Straße gefahren. Ein Mädchen spielt Himmel und Hölle. Ich sehe die Kästchen, die sie mit weißer, roter und blauer Kreide auf den Steinen gemalt hat. Sie steht auf der 5. Nun geht es in die Hölle, dahinter ist schon der Himmel. Oh, ja, es gibt nur eine feine Linie zwischen Himmel und Hölle. Eine feine Linie zwischen Glück und Pech. Und zwischen Zusammensein und Sich-Trennen.
Ich stelle mein Auto vor dem Haus ab. Ich bleibe sitzen. Das ist schon wieder dieser alte verrückte Mann, der mich an Charlie Chaplin erinnert. Sein verwaschener, schwarzer Anzug. Er hat keinen Stock, er hat diesen blauen, kaputten Regenschirm. Er läuft jedes Mal auf unser Grundstück. Warum macht er das nur? Er läuft durch die Blumenbeete. Manche Blumen sind umgeknickt. Letzte Woche war ein nasser Fleck an unserem Rhododendronbusch. Ob er wohl hingepinkelt hat? Ich muss mit ihm reden. Das soll endlich aufhören. Ich habe schon genug Last. Kann mich Gott nicht hören? Warum schickt er mir nicht jemanden? Warum gibt er mir kein Zeichen? Was soll ich tun, damit meine Frau bleibt?
Ich steige endlich aus dem Auto aus. Zeit, etwas zu tun. Ihm zu sagen, dass er es nicht mehr tun soll. Er rennt weg. Was ist passiert? Und das kleine Mädchen hüpft aus dem roten Hölle-Kästchen heraus. Sie rennt dem alten Mann hinterher. Ich stehe vor der Glastür unseres Hauses. Mein Anzug spiegelt sich. Er ist schwarz. Ist es Zufall?