Wer hätte das gedacht? Erst ordentlich die grinsende Luke öffnen, einatmen und dann einen Ton singen. Und auf ein Mal klingt es besser.
Zeitreise. Ein sonniger Herbsttag in einem grauen Klassenraum. PVC-Boden in meliertem grau, Stühle in einem augenfreundlichen Steingrau. Übungsstunde des Schulchors.
Vorne steht wild fuchtelnd in ihrer schwarzen Kutte mit nettem Häubchen Schwester Bernardis. Ich öffne meinen Mund und merke gar nicht wie weit. Meine Töne sind heute lauter. Sie blickt irritiert zu mir. Ich laufe rot an, ein schöner Kontrast zu dem ganzen Grau. Ja, es ist mir peinlich. Sie stoppt ihre Fuchteleien. Sie hält inne. Sie will etwas sagen. Aber dann lächelt sie mich an. Und dann sagt sie einfach nichts. Stattdessen hebt sie wieder die Arme und wir starten mit der zweiten Strophe.
Das war mein letzter Tag im Schulchor vor gut 30 Jahren.
Jahrzehntelang hatte ich es als peinlich abgespeichert. Wenn ich irgendwo mitsang, dann machte ich Mundbewegungen wie eine Handpuppe. Größtenfalls sang ich flüsternd mit und man hörte meist nur mein Seufzen der Konsonanten.
Seit meiner gestrigen Übungsstunde beim Singen denke ich, dass meine Töne damals wohl gut waren. Daher dieses Mona-Lisa-hafte Lächeln meiner bis dato Lieblingsordensschwester, die sogar Fußball spielen konnte. Hätte ich sie damals nur gefragt. Ich hätte mich trauen sollen. Echt. Und ich hätte öfter laut mitsingen sollen. Selbst lächelnd und die Luke weit auf. Wer hätte gedacht, dass die Töne besser sind, wenn man der Welt gegenüber offener gegenüber steht?
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