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Donnerstag, 20. Oktober 2011

Weest du...

Es war so heiß, dass die trockene, rotbraune Erde seine Sandalen wie Puderzucker einstaubte. Er lachte und rief:„Heissassa, hoppsachen. Johann, schaukel no a bisserl.“ Sein fülliger Bauch dehnte die grauen und blauen Querstreifen des T-Shirts und die geschwollenen Füße steckten in anpassungsfähigen Trekkingsandalen mit Klettverschluss. Die stark gerillten Zehennägel waren an der Wurzel dunkelgelb eingefärbt, zu ihren Enden hin versprachen sie die Farbe des Todes, schwarz. Und Staub, ganz feiner Staub ruhte auf ihnen.

Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Sein Atem ging schwer. Beim Atmen hob und senkte sich sein Brustkorb, mit jedem einzelnen Wort. Die Worte bröckelten hart aus seinem Mund. Auf einer Schaukel saß ein junger Mann, um die 20. Lachend rief er wieder: „Heissassa, hoppsachen. Johann, schaukel no a bisserl.“ Er beugte sich leicht nach vorne und schubste kräftig mit seinen kurzen Armen Johann an. Johann grinste selig den alten Mann an. Johanns Augen waren groß und leuchteten in grüngrau. Jeder Anschubser des alten Herrn brachte ihn zum Lächeln. Wieder ein Anschubser. Johanns Haare waren so kurz geschoren, dass man darüber rätseln konnte, ob er mittelblonde oder brünette Haare hatte. Seine riesigen Hände spielten eine unbekannte Melodie auf den Stahlgliedern der Kette. Wieder ein Anschubser und er schob die Hände gleichzeitig hoch. Noch ein Anschubser und er schob sie nach unten. Hin und her. Johanns Beine baumelten dabei sorglos vor und zurück. Plötzlich blickte der alte Herr auf meinen fünfjährigen Sohn, der auf dem zweiten Schaukelbrett wie ein guter, alter Freund saß.
Der alte Herr hob fast unmerklich sein Kinn. „Weest du, Johann hatte es schwer.“ Er rollte das R wie auf einem Roller und dehnte das E wie die Hitze, die uns mit 40 Grad fast erdrückte. „Johann hat kein Vadder.“ Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu. „Und kein Mudder mehr.“ Der alte Herr hob seine kurzen Arme gestreckt gen Himmel. „Sein Vadder war groß, weest du – wie Schrank. Ein Bär. Aber seen Herz, es war schwach.“ Ich schmeckte den trockenen Staub auf meiner Zunge.

Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Der alte Herr malte mit einem Fuß Kringel in die staubige Erde.„Weest du, sein Mudder starb bei Geburt.“ Sein Blick klebte auf dem zuletzt gezeichneten Kringel. Ich verspürte Durst und wühlte in meinem Rucksack nach der Wasserflasche. Ich setzte an und trank die ganze Flasche leer.

Asche zu Asche, Staub zu Staub.

„Opa!“ rief Johann. Das P sprach er mit dem Rachen, wie ein Ch. Das gerufene Wort hing hinten fest und dennoch wollte es raus, zu seinem geliebten Opa. Dem einzigen aus seiner Familie, der noch lebte. „Opa!“ rief Johann wieder und das schönste Wort für ihn entschwand viel zu schnell durch seine Nase und zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht. Der alte Herr ging zu ihm und schubste ihn an, als wäre er nimmer müde. „Heisasasa, Hoppsachen!“ Johann blickte zur Seite und lächelte während des Schaukelns meinen fünfjährigen Sohn an. Mein Sohn fing sein Lächeln auf und gab es wohl tausendfach zurück. Und Johann gluckste vor Freude.

Asche zu Asche, Staub zu Staub. Vorurteile gehören ins Grab.