Ich rede nicht gern darüber, aber wenn’s sein muss. In mir steckt mehr. Ich finde, ich sehe richtig schick aus mit meinem silbernen Bart und meinen schulterlangen, silbernen Haaren. Im Mondlicht glänzen sie richtig schön geheimnisvoll.
Mein Leib hat zugegebenermaßen Ähnlichkeit mit einer Marzipankartoffel und mein Hals ist gewöhnungsbedürftig. Wenn manche meinen Hals sehen, halten sie sich die Hand vor den Mund und rennen weg – in Windeseile. Ich bin jedoch stolz auf meinen Hals - 1000jährige Eiche, bestes Holz mit feinen spiralenförmigen Rillen.
Die zuckersüße Waldelfe Cetraria meinte, ich hätte den schönsten Hals im Wald. Wenn das mal kein Kompliment ist.
Ich könnte durchaus neben Schneewittchen spielen - als Held mit Degen, in meiner moosgrünen Uniform, die mit dem Gürtel aus Birkenrinde. Schneewittchen wäre mehr als blass – vor Ehrfurcht. Und der Prinz hätte keine Chance.
Ich finde Dornröschen könnte ich durchaus wachküssen. Dafür würde ich mich in mein Ahornblätter-Kostüm werfen. Zuvor würde ich die Rosenhecke souverän per Degen teilen.
Stattdessen kriege ich Rollen wie Rumpelstilzchen. Und dann soll ich mich auch noch zerreißen. Oder die Rolle in Schneeweißchen und Rosenrot - ganze fünf Jahre hat es gedauert, bis mein abgehackter Bart nachgewachsen war. Ich hätte viel lieber den Bären gespielt, von dem die Haut abfällt und der zum Prinz wird. So ein kleiner, stattlicher Prinz mit unwiderstehlich silbern glänzendem Haar und Bart. Das wär’s.
Ich bin kein armer Kerl. Ich wohne in einem Penthouse, sozusagen. Ein weicher Moosteppich kleidet meine Baumhöhle aus. Moos riecht so schön modrig.
Den Tisch habe ich aus Fichtenholz geschnitzt. Fichten gibt es massenhaft vor meiner Wohnung. Ich bin ein richtig guter Handwerker. Sogar die Stühle sind aus massiver Buche. Ah, dieser Duft von Baumharz. Herrlich.
Mein Bett hat ein handgeknüpftes Laken aus Grashalmen. Schön, was? In modischem Menschen-Grün - hat mir die Waldelfe zugeflüstert. Zum Zudecken benutze ich weiche Flaumfedern der Eulen. Die wohnen in der anderen Doppel-Baumhälfte.
Die Waldelfe Cetraria hat mir gestern per Birkenblätter-Geraschel mitgeteilt, dass die Menschen die Weymouthskiefer ausmerzen wollen. Unfassbar.
In meinem Gehirn blitzt es. Ich hab’s. Meine nächste Rolle habe ich in dem Märchen, das Cetraria mir vor einer Woche erzählt hatte. Sie nennt es „Prinz Mondschein“. Ich musste spontan an meine Haarpracht denken – schön silbern glänzend. Ich und Cetraria. Ach, was wären wir ein schönes Paar, aber ich schweife ab.
Als Cetraria erzählte, dass Prinz Mondschein der Hüter des Waldes sei und jeden einzelnen Baum gegen den Dunklen Fürst verteidigt, sah ich mich meinen Degen schwingend. Und als sie zufügte, dass Prinz Mondschein mit den Bäumen reden könnte und die Bäume zum Angriff gegen den Dunklen Fürsten überreden könnte, wusste ich als Freund jeden Baumholzes, dass diese Rolle mir auf den Leib geschneidert ist.
Dann wäre ich endlich kein kleiner böser Zwerg mehr.
Ich muss unbedingt Kontakt mit den Brüdern Grimm aufnehmen. Weiß irgendwer, wo ich sie erreichen kann? Ich muss ihnen sagen, dass ich und die Waldelfe aus dem gleichen Holz geschnitzt sind und dass ich es verhindern könnte, dass die wunderschöne Weymouthskiefer vom Dunklen Fürst ausgemerzt wird. So wahr ich ein Zwerg bin, ähem, sorry Prinz, bitte schön.
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