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Dienstag, 20. Dezember 2011

Das Rotkehlchen

Es war einmal ein König, der hatte zwei Schlösser. Ein Schloss gehörte ihm. In diesem wohnte er mit seiner Gemahlin, der Königin. Und der Königin gehörte das andere Schloss, das in einem weit entfernten Land einsam und verlassen leer stand.
Nun waren beide alt geworden. Da sprach der König zu der Königin: „Edle Gemahlin, es ist die Zeit gekommen, sich Gedanken zu machen, was ist, wenn wir beide nicht mehr sind.“ Die Königin runzelte die Stirn und gab zu Bedenken: „Werter Gatte, die Schlösser sind nicht gleich viel wert. Wir können sie nicht gerecht aufteilen.“ Der König kraulte sich im Bart: „Der Klügere soll unser Schloss bekommen. Was meint Ihr?“ Die Königin schritt zum Fenster und öffnete es. Sie atmete die frische Winterluft ein. „Es hat geschneit, König. Seht nur, das Rotkehlchen ist wieder an seinem Futterplatz.“ Der König stellte sich neben die Königin und blickte zum Rotkehlchen, das sein Lied trällerte. „Ich wünschte, ich könnte so sorgenlos singen wie das Rotkehlchen, auch wenn es kalt ist.“
Als der Hofnarr diese Worte des Königs vernahm, betrat er den großen Saal, in dem die Königin und der König waren. Der Hofnarr stellte sich hinter die beiden und rasselte mit seiner Schelle ganz laut. Das Rotkehlchen erschreckte sich und flog von dannen. Die Königin schloss das Fenster und der König wand sich an den Hofnarr. „Ihr seid immer dann hier, wenn ich Euch am wenigsten erwarte.“ Der Hofnarr lachte lauthals: „Das ist meine Arbeit, mein König. Das wisst Ihr doch schon länger. Und das ist es, was Eure Hoheit so an mir mag.“ Der König ließ sich traurig in seinen Thronsessel plumpsen. Der Hofnarr verneigte sich tief vor dem König, so dass ein Zipfel seiner Narrenkappe den Boden berührte. „Ich bin Euch stets zu Diensten, sagt mir, was Euch betrübt.“
Der König sah gedankenverloren zum Fenster. „Ich und die Königin sind alt geworden und wir müssen unsere Schlösser an unsere beiden Kinder verteilen.“ Der Hofnarr lachte. „Jetzt schon? Wartet doch noch ein bisschen.“ Die Königin misstraute dem Hofnarr und flüsterte dem König ins Ohr. „Ich weiß nicht, ob er der richtige Berater ist.“ Der König winkte ab. „Redet nur, Hofnarr. Wie würdet Ihr die Schlösser verteilen?“
Mit einem Lächeln im Gesicht sprach der Hofnarr. „Eure Hoheit, wenn ich mir erlauben darf.“ Er verbeugte sich abermals so tief, dass ein Zipfel seiner Narrenkappe den Boden berührte. „Eure Kinder müssen sich einer Prüfung unterziehen.“ Der König hob die Augenbrauen. „Eine Prüfung? Warum?“ Der Hofnarr legte den Kopf schief. „Habt Ihr nicht hart für Euer Schloss arbeiten müssen?“ Der König nickte. Der Hofnarr zeigte mit dem Zeigefinger auf die Königin. „Und Ihr, hat nicht Euer Vater hart ums seinen Besitz kämpfen müssen? Wollt Ihr nicht das Andenken Eures Vaters lieber behalten?“ Die Königin nickte widerwillig. „Ja, schon, Hofnarr, aber...“ Der Hofnarr trat einen Schritt nach vorne. „Schweigt, schweigt, dann sage ich Euch, was zu tun ist, damit es gerecht verteilt ist. Bringt Eure Kinder in eine Situation, die sie am wenigsten erwarten. Das ist die Prüfung.“ Der König kraulte seinen Bart. Dann zeigte der Hofnarr auf das Rotkehlchen, das auf der Fensterbank Platz genommen hatte. „Oder wollt Ihr weiterhin vor Euch hinträllern?“ Der König stand auf und rief zwei Boten.
Den ersten Boten schickte er zu seinem Sohn, den Prinzen, der auch der Älteste der Geschwister war. Den zweiten Boten schickte er zu seiner Tochter, der Prinzessin, die die Jüngste war.
Und dann wartete er und wartete. Eines Tages kam der erste Bote mit drei jungen Männern zurück. Der Bote deutete auf sie. „Eure Hoheit, Euer Sohn lässt sich entschuldigen, er ist unpässlich. Daher schickt er seine drei Söhne.“ Der König ging zu seinen Enkeln und wollte sie in den Arm nehmen, doch da sie ihn nicht kannten, scheuten sie sich. Der Hofnarr kam hinzu und ging langsam drei Mal um die drei Enkelsöhne des Königs. „Ihr werdet Angst haben, auch wenn Ihr noch so mutig ausseht.“ Der Jüngste der drei Enkelsöhne vermochte vor Angst sich nicht mehr zu bewegen, so eine Angst jagte ihm der Hofnarr ein. Das gefiel dem Hofnarr. Er blieb stehen und stemmte beide Arme in die Hüften. „Ihr werdet zum Schloss der Königin gehen und den spukenden Geist besiegen.“ Den beiden ältesten Enkelsöhnen schlotterten die Knie, der Jüngste blieb erstarrt. Der Hofnarr schwang seine rechte Hand. „Nun geht, sonst mache ich Euch Beine.“ Schnell verließen die drei das Schloss des Königs und machten sie auf eine weite Reise zum Schloss der Königin. Als sie durch einen Wald liefen und sich der Weg gabelte, begannen die beiden Ältesten sich zu streiten, während der Jüngste weiter geradeaus lief und sie nicht beachtete. Als sie merkten, dass er schon weit voraus war, gingen sie ins nächste Wirtshaus und schlugen sich die Bäuche voll.
Der Jüngste erreichte am nächsten Morgen, nachdem er die ganze Nacht durch den verschneiten Wald gewandert war, das Schloss der Königin. Er zog an der Glocke am Eingang. Das Tor öffnete sich und er blickte in zwei schwarze Augen, die von einem weißen, durchscheinenden Gewand umhüllt waren. Die Gestalt starrte ihm in die Augen, dann rasselte sie mit ihren rostigen Ketten, die um ihren Hals hingen. Der Jüngste bewegte sich nicht. Die Geistergestalt nahm nun mit der einen Hand ihren Kopf vom Hals und legte ihn in die andere Hand. Als der Jüngste nun den Kopf so ganz für sich betrachtete, stutzte er: „Kann es sein, dass ich Euch kenne? Kann es sein, dass Ihr der Vater der Königin seid?“ Die Geistergestalt setzte ihren Kopf wieder auf den Hals. „Ihr seid der erste, der mir sagt, dass er mich kennt.“ Der Jüngste machte einen Satz nach vorne und schrie: „Ihr seid mein Ur-Großvater! Lasst Euch umarmen!“ Diese Worte machten der Gestalt solche Angst, dass sie vor Schreck in den Schlossflur schwebte und in dem Gemälde des Vaters der Königin verschwand. Das Gemälde zitterte, als der Jüngste es berührte. Er nahm das Gemälde von der Wand ab und verließ mit ihm das Schloss der Königin.
Auf dem Heimweg kam er am Wirtshaus vorbei, in dem seine beiden ältesten Brüder saßen. Als diese sahen, wie er mit einem großen Gemälde vorbeistolzierte, stürzten sie hinaus. Der Älteste packte ihn am Kragen und der mittlere Bruder nahm ihm das Bild ab. Da rief der Jüngste: „Ur-Großvater, hilf mir!“ und die Geistergestalt streckte ihren bleichen Kopf aus dem Gemälde. Der mittlere Bruder ließ das Gemälde vor Schreck fallen und der älteste Bruder ließ den Jüngsten los. So schnell ihn seine Beine trugen, rannte der Jüngste zum Schloss des Königs.
Der Hofnarr stand am Eingang des Schlosses und versperrte ihm den Weg. „Wie konntest Du das schaffen?“ Wieder sprach der Jüngste die magischen Worte: „Ur-Großvater, hilf mir!“ und die Geistergestalt streckte ihren Kopf aus dem Gemälde. Voller Entsetzen gab der Hofnarr den Eingang frei.
Der König empfing den Jüngsten. „Ein Gemälde bringst Du mir?“ Der Jüngste blickte zur Königin und sprach wieder die magischen Worte: „Ur-Großvater, hilf mir!“ Nun kam die Gestalt aus dem Gemälde und schwebte zur Königin. Diese wurde kreidebleich, weil sie den Vater erkannte. Die Königin sprach: „Er hat die Prüfung bestanden.“ Flugs ging sie zum Schreibtisch und begann die Urkunde zu schreiben, als der Hofnarr den großen Saal betrat. „Halt ein, Königin. Unterschreibt nicht. Es fehlt noch eine Prüfung.“ Er deutete auf drei junge Damen, die den großen Saal nun betraten. Der König sprach: „Ihr seid immer für eine Überraschung gut, mein lieber Hofnarr.“ Der Hofnarr grinste. „Das ist meine Spezialität.“ Der Jüngste schaute misstrauisch zum Hofnarr, dann zu den drei Damen. Die beiden Älteren waren in elegante Kleider gehüllt, während die Jüngste in einem Gewand wie ein Mann gekleidet war. Die Jüngste sprang kess nach vorne und sprach: „Seid gegrüßt, edler Großvater. Meine Schwestern konnten sich nicht entscheiden, welches Kleid sie tragen sollten, deswegen dauerte unsere Anreise ein wenig mehr.“ Der Hoffnarr lächelte und besah die beiden älteren Enkeltöchter des Königs mit Wohlwollen. „Sie sind ganz nach meinem Geschmack.“ Die Jüngste ging zum König und machte einen tiefen Knicks. „Ihr habt nach meiner Mutter geschickt, aber sie ist...“ Der Hofnarr beendete den Satz mit „unpässlich“. Erschrocken schaute die Jüngste zum Hoffnarren. „Ja, das stimmt. Deswegen hat sie uns geschickt. Ich war gerade im Stall und kümmerte mich um die Pferde.“ Der Hofnarr legte den Kopf schief, um ihren Worten zu lauschen. „Welch lieblicher Klang, aber diese Kleidung ist die eines Burschen. Pfui.“ Die Jüngste stand auf. „Edler König, sagt mir die Prüfung, von der in der Botschaft die Rede war.“ Der Hofnarr ging zum Gemälde und zeigte auf den Jüngsten. „Er hat die Prüfung bereits bestanden.“ Sie blickte dem Hofnarren kess in die Augen. „Vor Euch habe ich keine Angst, geht mir aus dem Weg.“ Der Hofnarr hüpfte auf sie zu. „Ihr seid eine Närrin, weil das solltet Ihr. Jeder sollte Angst vor mir haben.“ Der König horchte auf. Die Königin sprach zu ihrer jüngsten Enkeltochter. „Ich sage Dir, was Dein Rätsel ist, um eines Tages dieses Schloss zu erben. Sage mir, wer dieser Hofnarr ist.“ Die Jüngste ging prüfend um den Hofnarren. Der Hofnarr kicherte. „Ihr dürft drei Fragen stellen.“ Die Jüngste wandte sich an den König. „Was sagt er oft?“ Der König kratzte sich am Kinn. „Er überrascht uns immer wieder. Und dann sagt er, das wäre seine Spezialität.“ Sie fragte den Hofnarren. „Wohnst Du schon immer hier?“ Der Hofnarr erwiderte: „Nein, erst seit der König und die Königin sich streiten, wann sie die Schlösser vermachen sollen und wer welches kriegen soll.“ Die Jüngste blickte zum König und zur Königin. „Stimmt das?“ Die beiden bejahten es. Der Hofnarr stichelte die Jüngste. „Nun kommt Deine letzte Frage, Stallbursche.“ Die Jüngste ging zum Gemälde, betrachtete lange das Gemälde und lief dann zum König. „Ich weiß, wer er ist.“ Das brachte den Hofnarren dazu, dass er sich vor Lachen schüttelte und ein Würfel aus seiner Hosentasche fiel. Der Hofnarr errötete vor Zorn. Die Jüngste hob den Würfel hoch und besah ihn lange von allen Seiten. Der König sprach: „Und nun, wer ist der Hofnarr?“
Die Jüngste befragte den Jüngsten, wie seine Reise zum Schloss der Königin war. Er erzählte, dass es auf einmal einen Weg gab, der sich gabelte. Und wie von Zauberhand stritten sich auf einmal seine Brüder, so dass er es nur bis zum Schloss der Königin schaffte. Dadurch, dass die Geistergestalt ihren Kopf in die Hand legte, konzentrierte er sich auf das Gesicht der Geistergestalt und konnte wie von Zauberhand den Vater der Königin erkennen, den er nur von Bildern kannte. Die Jüngste dachte nach. „Wie von Zauberhand, sagt Ihr? Auch unsere Reise war von einer Zauberhand geleitet worden. Meine Schwestern wollten nicht gleich los, weil sie ihre besten Kleider anziehen wollten. Doch dann fielen beide in den Matsch, wie von Zauberhand und sie mussten sich noch einmal umziehen. Und wie von Zauberhand waren wir später dran. Und wie von Zauberhand bekomme ich nun die zweite Prüfung und nicht die erste.“ Der Hofnarr lockerte den Kragen seines Hemdes. „Wie von Zauberhand? Was soll das heißen?“ Die Jüngste hielt dem Hofnarren den Würfel vor die Augen und sprach zu ihm: „Es gibt nur einen, der wie von Zauberhand waltet.“ Sie sah zum König und zur König. „Nur der Zufall kann so sein.“
Der König verlor für einen kurzen Moment seine Sprache. Also redete die Königin zum Hofnarr. Und zum ersten Mal gab die Königin und nicht der König dem Hofnarren einen Befehl: „Hofnarr, nehmt dieses Gemälde und bringt es in das Land der Erinnerungen.“ Der Hofnarr tat, wie sie es ihm befohlen hatte. Und die beiden verschwanden in die stürmische, kalte Winternacht. Doch das Rotkehlchen saß im großen Saal und sang das liebliche Lied der Versöhnung. Und so kam es, dass nach langer Zeit im Schloss des Königs ein rauschendes Weihnachtsfest gefeiert wurde, zusammen mit den Kindern und allen Enkelkindern. Und endlich unterschrieb der König die Urkunde für seinen Sohn, um ihn sein Schloss zu überlassen. Und endlich unterschrieb die Königin die Urkunde für ihre Tochter, um ihr ihr Schloss zu überlassen. Und keiner fragte mehr nach der Aufteilung, weil der Hofnarr endlich zusammen mit dem Geist der Vergangenheit von dannen gezogen war.
Und gebt Acht, wenn es in Winternächten stürmt. Dann sind der Hofnarr und der Geist der Vergangenheit unterwegs und suchen Einlass. Und sie reißen vor Wut die Äste von den Bäumen, weil man sie nicht reinlassen will.