Der Papagei schrie knarzend wie eine schlecht geölte Türangel: „Jako lieb, Jako lieb.“ Er saß auf seinem Käfig aus golden glänzenden Gitterstäben, das Türchen war offen. Er dehnte seinen Kopf nach vorne und steckte ihn zwischen die Beine. Dann öffnete er sein Kopfgefieder wie einen Fächer. Mit dem schwarzen, oberen Schnabel, der mit einem Zacken gekrümmt über dem unteren Schnabel ruhte, kratzte er sich genüsslich am Bauch.
Eine Wolke aus weißem Nebel hüllte ihn ein. Verärgert wippte er hin und her und krächzte laut.
Der alte Mann lächelte sanft und stieß erneut eine Zigarettenrauchwolke in die Richtung des Papageis. Er stand direkt neben dem Papagei. Er begann zu kichern. "Na, du alter Vogel. Was gibt’s zu meckern?“ Er lachte und der Schleim in seinen Bronchien löste sich beim Husten stakkatoartig wie ein Maschinengewehr. Schließlich erstarb sein Lachen.
Der dunkelgrüne Kaschmirpulli mit Polokragen betonte seine dunkelgrünen Augen. Die dunkelgraue Bundfaltenhose aus Schurwolle war an einigen Stellen schon abgewetzt. Und seine rechte Hosentasche war ausgestülpt. Man sah das weiße Innenfutter und ein grünbraunkariertes Stofftaschentuch, das benutzt war. Nun winkelte er den rechten Arm an und zog kräftig an der Zigarette. Sizilianische Zigaretten, so stand es auf der Packung, die auf dem Tisch lag. Er blies wieder eine fette Wolke zum Papagei.
Jako beugte sich nach vorne und sein Kopfgefieder stand wütend ab. „Böse, böse.“, krächzte er. Dann stakelte er auf der außen am Käfig angebrachten, abgenagten Holzstange nach rechts und ließ sich senkrecht zur Seite fallen. Mit seinem Schnabel hakte er sich blitzschnell an einem der Gitterstäbe fest. Stab für Stab hangelte er sich nach unten, raus aus der stinkenden Wolke. Es war exakt zehn Mal die gleiche Abfolge: Schnabel einhaken und Körper nachziehen.
Schließlich war er am Ende des Käfigs angekommen. Der Käfig thronte in einem schwarzlackiertem Gestell, das auf silbernen Rollen über eine Stange befestigt war. Der Papagei überlegte nur kurz, dann holte er aus und schleuderte seinen Körper geschickt Richtung Stange, auf welcher der Käfig festgeschraubt war. Er ließ los und rutschte nun an dieser Stange wie ein Feuerwehrmann nach unten, mit stolz erhobenem Haupt. Kurz vor dem Aufprall hüpfte er geübt mit den Krallen auf die rutschigen braunen Fliesen.
Der Papagei hob das rechte Bein und marschierte los. Seine Krallen bogen sich dabei leicht nach innen in der Luft. Er setzte sein rechtes Bein auf. Und so machte er es auch mit dem linken Bein. Es sah artistisch aus, wie in einem Zirkus. So schritt er Richtung Stuhl und verschwand unbemerkt unter dem Tisch, während der alte Mann sinnierend Rauchwolken in die Luft blies und sich auf den Stuhl setzte.
Der alte Mann stützte sich nachdenklich mit dem linken Arm auf dem Tisch ab. Ein weiße Tischdecke, frisch gewaschen und gebügelt. Der Stuhl stand links neben dem Tisch, seitlich weggedreht. Mit einem großen Schwung stemmt er sich urplötzlich hoch. Der Stuhl ächzte. Der alte Mann schwankte leicht, blieb aber stehen, weil er sich mit der rechten Hand noch am Tisch festhielt. Die Tischdecke verrutschte minimal. Er balancierte und dann ließ er los. Ähnlich wie der Papagei, unsicheren Schrittes lief er mit gesenktem Blick los.
Der alte Mann blickte hoch Richtung offene Küchentür. Sein Neffe Lugo schwenkte mit einer großen Käseraspel Käse auf eine Pizza. Er sah, wie er die Ofentürklappe öffnete und die Pizzapfanne in den Ofen schob.
Jako war bereits in der Küche. Er saß auf seinem Lieblingsplatz – auf einer kleinen Schaukel direkt neben der Mikrowelle.
Der alte Mann öffnete den Mund weit. „Lugo, willst du den alten Vogel nicht auch mal braten?“ Es folgte das tiefe, heisere Gelächter, von bröckeligem Husten untermalt. Lugo kniff die Augen zusammen. Jako spreizte die Kopffedern und krächzte „Böser Onkel, böser Onkel.“ Der alte Mann schüttelte sich vor Lachen und schwankte. Lugo drehte sich nach hinten und rief: „Dina, bringt unserem Onkel einen Espresso.“ Der alte Mann hielt inne und schlürfte zurück zu dem Stuhl. Er ließ sich auf den Stuhl plumpsen. Er zündete sich eine neue Zigarette an. Im Hintergrund schlürfte die Espressomaschine. Dina rief ihm zu. „Onkel, ist gleich fertig.“ Kurze Zeit später servierte Dina, die Frau von Lugo, ihm den Espresso. Vier Löffel Zucker schüttete er in seinen Espresso. Dina tätschelte seine Hand. „Onkel, nicht so viel.“ Dann lief sie wieder in die Küche.
Der alte Mann schnupperte an der Tasse, als er sie anhob. „Das riecht und schmeckt wie früher.“ Eine Träne löste sich aus seinem rechten Auge, als er den ersten Schluck nahm. Er lehnte sich zurück und betrachtete das Bild seiner verstorbenen Frau, das auf dem Tisch stand – in einem goldenen Rahmen, auf der weißen Tischdecke. Er zupfte die eine verschobenen Tischdecke zurecht. Emilia, seine große Liebe war genau heute vor zehn Jahren gestorben. Er seufzte und trank seinen Espresso bis auf den letzten Schluck aus. Dann ging er lautlos.
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