Dienstag, 31. Januar 2012
Fliegendes Herz einer Taube
Ich wollte es nicht und trotzdem habe ich es getan. Ich verstehe mich selber überhaupt nicht.
Es ist, als ob alle anderen ein „a“ hören und ich sage ganz selbstsicher, dass es ein „c“ ist. Für mich klingt vieles zu hoch – so wie dieses Notenzeugs. Vielleicht bin ich dumm. Ja, so richtig dumm.
Ich habe keine Komplexe, wirklich nicht. Das ist nicht das Problem.
Gestern war das Problem, so gegen 20 Uhr. Das Telefon klingelte. Ich hatte vorm Fernseher gesessen und meine Lieblingssendung gesehen. Der Typ wusste echt nicht, was er an dieser Frau hatte. War der total blind? Und warum entschied sie sich nicht für ihn? Okay, er hatte sie betrogen. Durchaus nachvollziehbar, dass sie heftig sauer war. Aber der Typ war doch so reumütig. Aber war er das wirklich? Mir war klar, wenn die beiden sich endlich entscheiden würden, wäre diese TV-Serie zu Ende, also gelöst. Und das ging auf keinen Fall. Man würde mir meinen Mittwochabend versauen.
Das Telefon klingelte zum siebten Mal. Und der Anrufbeantworter erledigte seinen mühsamen Job.
Eine tiefe Stimme klang aus dem zwei Zimmer entfernten Flur. Ich habe ein altmodisches Telefon mit Schnur, denn meine Stirnlappen fühlen sich eh schon so schlapp an. Und diese Strahlungen von den schnurlosen Telefonen sollen das noch verschlimmern, so stand es in einem Zeitungsartikel. Ein übermäßiger Medienkonsum soll zudem eine handfeste Stirnlappenverwahrlosung auslösen, was dann zu einer Verkümmerung der sozialen Kompetenz führen kann. Ich betone kann. Kein Mitleid und Abstumpfung der Gefühle heißt das.
Als ich diese tiefe Stimme von der Ferne hörte, wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Mit der Stimme meine ich. Oder war doch der Anrufbeantworter kaputt?
Wie eine Katze auf Lauer näherte ich mich dem Anrufbeantworter, aus reinen Forschungszwecken und zugegebenermaßen aus Neugier. Ich hätte die TV-Serie mit Herzschmerz weiterschauen sollen – aus heutiger Sicht. Aber die Neugier siegte haushoch. Ich drückte auf den „Play“-Knopf des Anrufbeantworters.
Ein Knarzen und Krächzen vernahm ich mit einem Mal. Ich klopfte mit dem Knöchel meines Zeigefingers auf den Anrufbeantworter. Nichts. Das Geräusch blieb. Vielleicht doch defekt? Es klang so, als würde irgendein Vogel mit seiner Stimme Alarm schlagen. Komisch und nun klopfte es. Ich hielt mein Ohr an den Anrufbeantworter. Kam es wirklich aus dem Ding?
Die Stimme in dem Kasten war eindeutig männlich, auch wenn sie verstellt klang, so tief. Aber sie zitterte, entweder ältlich oder verletzlich. Das Klopfen wurde lauter. Und die Stimme sagte, dass ich Hilfe bräuchte und er deswegen mit mir reden müsse. Mist, es hämmerte in meinem Schädel und – ich drehte mich um – an der Fensterscheibe. Auf der Fensterbank saß ein Rabe. Mit seinen schwarzglänzenden Augen sah er mich angriffslustig an. In dem schwarzen Schnabel hielt er ein Stück dunkelrotes Fleisch. Ich spürte Kälte in mir aufsteigen, die sich über meinen Rücken entlud und Gänsehaut auf meinen Armen hinterließ.
Ich zog meinen rechten Hausschuh aus und ging bedächtig Richtung Fenster. Meine Finger krallten sich in den grauen
Filz des Schuhs, dann drehte ich den Fenstergriff nach oben. Schwungvoll ging das Fenster auf und ein Hauch von Fliederduft traf mein Geruchsnervenzentrum. Der Rabe glotzte mich an. Warum flog er nicht weg?
Es blieb mir nichts anderes übrig. Ich schleuderte den Schuh auf ihn, weil er dieses Stück Fleisch mich anwiderte, zutiefst. Der Schuh prallte an dem bläulich-glänzendem Gefieder ab und der Rabe stob kreischend auf. Der Schuh flog elegant über den riesigen Fliederbusch im Vorgarten und landete in einem grau-weißen Tierkadaver auf der Straße. Es war eine gerupfte und aufgerissene Taube. Der Rabe hüpfte aufgeregt neben ihr hin und her. So, als wollte er mir sein Kunstwerk zeigen. Angeekelt schloss ich das Fenster.
Die Stimme auf dem Anrufbeantworter verabschiedete sich mit den Worten „Wir sehen uns morgen auf dem Eisernen Steg um 18 Uhr.“
Was soll ich sagen. Nun stehe ich auf dem Eisernen Steg und warte. Meine Blicke verlieren sich auf der Wasseroberfläche. Ich bin fasziniert von dem Lichtertanz auf den sich kräuselnden Wellen. Irgendwie gibt es nichts, was es gut machen würde. Ich klettere langsam, fast andächtig auf die Brüstung. Geruch von Rost liegt in der Luft. Das Brummen der Autos an den Ufern des Mains hört sich wie stechwütiges Brummen von Insekten an. Niemand würde mich vermissen.
Ich wollte es nicht, wirklich nicht. Ja, ich wiederhole mich, das weiß ich. Das Geheimnis könnte ich in das erlösende Wasser tauchen.
Ich lasse mich nach vorne kippen. Ich schwanke, rudere mit den Armen. Stopp, ich darf nicht springen. Da fehlt ein entscheidendes Element.
Endlich, ein Ruf dringt zu mir, nein ein Schrei – gellend. Es könnte mein eigener sein, ist es aber nicht.
Ich falle nun. Aber was ist das? Ich falle nach hinten und sehe, wie zwei starke Arme meine Jeanshosenbeine umklammern, verzweifelt. Und ich plumpse auf einen muskulösen Körper. Zu kräftig für mich. „Es war doch nur ein Ausrutscher, Britta.“
Ich muss hier weg. Schnell. Ich kenne diese Stimme. Ich könnte sie unter Millionen von anderen herausscannen, so einzigartig ist sie und zugleich verletzend. Ich muss sofort handeln.
Also klettere ich auf die Brüstung und entwische der Szene wie ein Stück Seife.
Ich genieße den Flug. Ich schließe meine Augen und spüre mit ausgebreiteten Armen den Wind. Ich gleite auf einem Schrei, der nicht mein eigener ist. Ein Schrei des Schmerzes.
Ich will es nicht mehr. Ich will diese Stimme nie wieder hören. Diese unverwechselbare Stimme von Michael. Sie soll raus aus meinem Kopf, für immer. Vor meinen Augen sehe ich seinen entsetzten Blick und ich spüre seinen Schmerz. Den Schmerz, wenn einem klar wird, dass der andere nie wieder zurückkommt.
Ich kann fliegen. Neben mir fliegt der Rabe.
Und dann öffne ich meinen zarten Mund und lasse den Ton heraus. Dieses hohe „c“. Gleichzeitig kippe ich mit meinem Oberkörper nach vorne. Mit einem Bauchklatscher tauche ich in das verdammt Kühle.
Vielleicht hätte ich den Anrufbeantworter ausstöpseln sollen. Dann hätten mich diese Worte nie erreicht.
Der Rabe und ich, wir tauchen zusammen ab. Endlich kann ich erkennen, was er in seinem Schnabel fest umklammert. Es ist das herausgerissene Herz der Taube. Es ekelt mich. Ich will zurück.
Endlich holt mich ein starker Arm nach oben, an die Oberfläche, zurück zur Realität. Ich verstehe es auch nicht, warum. Er fragt nicht. Er bringt mich nur ans sichere Ufer. Aber nun bin ich froh, dass ich wieder oben bin.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen