Montag, 6. Februar 2012
Jo, das mag ich...
Okay, vielleicht ist es öde, auf einer Holzstange zu sitzen, die aussieht wie ein Baguette. Aber sie ist ein Meisterwerk - ich habe sie fein säuberlich und vor allem liebevoll mit meinem dunkelgrauen Schnabel abgenagt. Ich müsste lügen, wenn ich sage würde, ich wäre nicht stolz darauf.
An jenem Dienstagabend letzte Woche inhalierte ich den Geruch von frischem, gebackenen Pizzateig genüsslich mit meinen zwei Nasenlöchern über dem Schnabel. Ich plusterte mein graues Gefieder auf und bewegte meinen Kopf auf und ab wie die Nadel einer Nähmaschine.
Aus meinen hellgelben Augen schaute ich in unsere Pizzeria und beobachtete eine neue Kundin namens Steffi. Sie aß eine Pizza mit leckeren Meeresfrüchten und nippte an einem Glas Chianti.
Sie war lässig gekleidet, in unauffälligem Grau. Heh, so wie ich. Steffi sprach mit meinem Frauchen darüber, dass sie als Kind gesagt hätte, dass sie nie mehr nach Italien wollte. Ich war geradezu aufgekratzt. Spontan krächzte ich ein „Hallo“ mit bewusst tiefer Männerstimme. Wie kann sie so was nur erzählen?
Steffi berichtete, dass sie in den 1970ern in Alassio an der Blumenriviera war. Sie war fünf. Sie erzählte, dass sie ein brünetter, temperamentvoller Lockenkopf war. Und sie sprach von ihrer Freude, zum ersten Mal einen Fuß in Meereswasser zu setzen. Und dann entdeckte sie diese Feuerqualle. Schreiend sei sie rausgerannt. Ehrlich gesagt, hätte ich gekrächzt, was ich als wesentlich angemessener empfunden hätte.
Und dann wäre Steffi mit ihren Eltern Straßenbahn gefahren. Das Letzte, was sie dann gesehen hätte, wäre ihr pinkfarbener Teddy gewesen. Sie fiel in Ohnmacht, weil dieses italienische Wetter nichts für sie gewesen sei, einfach viel zu heiß.
Na gut, wenn ich an einen pinkfarbenen Teddy denke, würde ich auch kollapieren. Ein pinkfarbener Teddy, wie geschmacklos, dann doch lieber grau.
Dann sagte Steffi wieder ihren alten Kinderspruch „Nie mehr Atalia“. Ihre Mutter hätte ihn witzig gefunden. Aber mein Frauchen war traurig. Ganz bestimmt mag ich es nicht, wenn mein Frauchen traurig ist, und so musste ich einschreiten. Und ehrlich gekrächzt, mochte ich es ebenso nicht, wenn man so über mein Geburtsland redet.
Ich kletterte aus meinem Käfig und schwang mich an dem Seil hinunter. Am Boden angekommen, setzte ich meine Krallen auf die rotbraunen Steinfliesen. Ups, leicht schmierig. Frisch gewischt. Mein Frauchen stand auf und lief Richtung Theke, während ich mich mit gezielten Wiegeschritten Steffi näherte. Meine roten Glücksfedern schleiften leicht über den Boden.
Belustigt beäugte Steffi meine Fortbewegungsart. Mein Frauchen überholte mich und stellte bei Steffi ein weiteres Glas Chianti ab. Wenn ich so viel trinken würde, würde ich wohl auch eine Menge Zeug erzählen, dachte ich spontan.
Ich reckte meinen Hals und schnalzte mit der Zunge. Mein Frauchen blickte entgeistert zu mir und ermahnte mich mit einem „Jako“. Ich schnalzte noch Mal. Es galt zu handeln.
In Windeseile stieß ich mich vom Boden ab, flog über die erstaunten Gesichter von Frauchen und Steffi hinweg und setzte mich auf das Klavier, das direkt hinter Steffi stand.
Und dann schmetterte ich „Adesso Tu“. Der Song, mit dem Eros Ramazzotti in San Remo damals 1986 seinen Durchbruch hatte. San Remo, in der Nähe von Alassio.
Steffi schaute irritiert zu mir. Sie konnte es nicht fassen, was sie hörte. Dina lächelte. „Ja, Jakko kann sehr gut Stimmen imitieren.“ Steffi zeigte auf mich. „Der ist genial.“
Und dann sagte sie es. Steffi sagte: „Ich glaube, ich muss wieder nach Italien.“ Und mein Frauchen lachte.
Und als wollte der Redefluss niemals enden, erzählte Steffi von ihrem schönsten Italienerlebnis. Von ihrer Hochzeitsreise in Venedig und einer romantischen Gondelfahrt bei Nacht.
Und wie auf Knopfdruck kamen nun Steffis Mann und drei Kinder um die Ecke. Sie setzten sich zu Steffi und meinem Frauchen. Frauchen saß mitten drin und lauschte nun den Erzählungen von Steffis Mann. Frauchen strahlte und kraulte immer wieder meinen Hals. Jo, das mag ich.
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