Montag, 13. Februar 2012
Über das Unvermeidliche - PowerPoint Your Life
Meine Güte! Ich bin hundemüde. Wie unmenschlich ist das, wenn man einen um 8 Uhr morgens zum Meeting bestellt. Meetings an sich mag ich schon, aber so früh.
Und dabei hatte der Tag so schön begonnen. Warme Brötchen vom Bäcker. Frischer Kaffee mit viel Milchschaum und Zucker. Punkt sechs Uhr erreichte mich die Schweine-SMS. Ein neues Meeting, bereits um acht. Mit dem Satz „Bitte pünktlich sein.“ Da nutzte der Smiley dahinter auch nix.
Mein Magen gurgelte. Innerlich wollte ich nicht, aber wie der Text ankündigte, ließ er keine Entschuldigung zu. Ich hatte zu erscheinen. Wörtlich: Wer nicht kommt, hat mit Konsequenzen zu rechnen, vor allem Du, Edith. Da wäre jeder hin, gesetzt den Fall, man glaubt dem Text. Aber der Verfasser des Textes ließ keinen Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit, neuerdings Authenzität genannt. Der Verfasser war weiblich und superauthentisch. SCHNUFFIPUFFI38. Ein absolut authentischer Name. Also, ging ich pflichtbewusst unter die Dusche.
Unter der Dusche empfing mich warmer Regen. Auf meinem Nacken prasselte er herab, während ich mich innerlich aufs Meeting vorbereitete. Was war eigentlich das Thema? Stimmt, das Unvermeidliche. So stand es im SMS-Text – von SCHNUFFIPUFFI38.
Beim Einseifen mit dem Ultrafit-Duschgel trällerte ich „When I was younger, so much younger than today.“ Bei „Help“ hob ich die rechte Faust. Ja, so energisierte ich mich jeden Morgen. Ich begab mich auf ein höheres Energie-Level. Ich würde es für das Meeting brauchen.
Ich holte meinen grauen Wollanzug und meine weiße Bluse, dazu schwarze Stiefeletten mit Absatz. Ein Blick in den vom Duschen beschlagenen Spiegel. Ich wischte ihn mit zwei Fingern frei, um wenigstens das Nötigste zu erkennen. Ja, ich war gewappnet.
Der Weg zum Meeting fiel mir bedeutend schwerer. Über Nacht waren Unmengen an Schnee gefallen. Ich fluchte. Hätte ich doch meine Boots angezogen. Und nun tippelte ich im Schnee mit meinen neuen Stiefeletten. Bloß nicht ausrutschen. Zack, da war’s passiert. Ein schöner nasser Fleck auf Pohöhe des weißen Mantels, mit kleinen Sprenkeln von schwarzen Splittersteinchen. Mit viel Fantasie Stracciatella.
Es war fünf Minuten nach acht, als ich das Zimmer betrat. Der Beamer war bereits an. Und SCHNUFFIPUFFI38 saß vorne, mit strengem Blick. Ihre Stimme erhob sich. „Ah, endlich.“ Ich blickte in die Runde. Mist, wieder mal die Letzte. Sie wusste sofort, was Sache war. Ein Blick zu den Schuhen genügte. „Falsches Schuhwerk, was?“ Ihr entging nichts. Ich streifte meinen Mantel ab und hängte ihn über den Heizkörper. Dann ließ ich mich in den grauen Stuhl ganz vorne sinken.
Schnuffipuffi38 klickte auf die Präsentation. Aufzählung über Aufzählung. Punkte über Punkte. Alles sortiert. Hinter jedem schwarzen Punkt eine vermeintliche Wichtigkeit, die unbedingt die anderen auch wissen müssen.
Schnuffipuffi38 schaute über ihren Brillenrand. Ihr Haar war frisch frisiert, kurz geschnitten und hellblond gefärbt. Der hellblaue Anzug passte perfekt zu der Frisur. Ich seufzte. Meine Hose war nass, meine Friseur klebte vom Schneeregen platt auf der Kopfhaut und meine Nase war knallrot von der Kälte.
Sie zeigte auf mich. „Lies den ersten Punkt vor.“ Ich kam mir wie beim Sehtest vor. „Akkurates Benehmen“, murmelte ich. Sie hüpfte von ihrem Stuhl auf. „Etwas lauter, bitte.“ Ich sagte es noch Mal, während ich bei den anderen erste Lacher auslöste. Ein dunkler Lacher von links – Stefan. Der musste als nächstes vorlesen. „Small Talk üben.“
Toll, dachte ich. Sie las weiter vor. „Angemessene Geschenke.“ Alle nickten außer mir. Alle, d.h. Markus, Stefan und Norbert. Ich fühlte mich beobachtet. Ich dachte an das letzte Meeting und dass ich mich mit dem Geschenk vertan hatte. Kann doch jeden passieren. Okay. Eine DVD mit einer Romantischen Komödie für den Heavy-Metal-Fan Markus war wohl nicht ideal.
Sie las weiter. „Mindestens eine Stunde bleiben.“ Oh, jetzt sank Norbert eins tiefer. Er war letztes Mal nur zehn Minuten anwesend. Alle grinsten außer ihm.
Sie deutete mit einem Leuchtstift auf den nächsten schwarzen Knubbelpunkt. „Offen über den Status reden.“ Stefan wurde knallrot. Sein Status war allen ein Rätsel. Keiner wusste, was er genau tat, außer ihm selbst. Und dann tat er, was er lieber hätte sein lassen. Er verließ das Zimmer. Ich konnte ihn aber verstehen.
Sie las weiter. „Meine Meinung stimmt immer.“ Ein ungeschriebenes Gesetz. Klar war ihre Meinung immer die Richtige. Eine Stille umgab uns. Stefan räusperte sich in diese Stille. Stimmt, er hatte beim letzten Meeting eine heftige Diskussion mit ihr über die Mieter.
Sie las weiter. „Diese Form der Meetings bleibt.“ Nun standen alle auf, spontan, wie ein Reflex. Sie blinzelte uns an, als würde sie ins Sonnenlicht blicken. „Irgendwelche Fragen?“
Stefan räusperte sich erneut. „Mama, findest Du diese Art der Meetings wirklich angebracht?“
Sie stand auf und lachte. „Was im Büro funktioniert, sollte auch bei Familientreffen funktionieren.“
Ich nahm all meinen Mut zusammen. „Mama, weißt Du, eigentlich würde ich meinen Geburtstag schon gerne anders mit meiner Familie feiern.“
Stille. Sekundenlang. Dann schniefte sie theatralisch. „Meine letzte Freude wollt ihr nehmen, stimmt’s?“ Markus ging zur Tür und rief Stefan, der draußen wartete, wieder rein.
Ich strich ihr über den Rücken. „Okay, Mama. Dann klick mal die nächste Folie an.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein.“ Ich klopfte ihr auf die Schulter. „Na, doch.“
Es war nur ein Klick. Ich las die Folie mit Entsetzen. „Geplante Verheiratung von Edith.“ Jetzt war ich sauer auf Schnuffipuffi38. Ich verpowerpointe nicht mein Leben. Ich weiß, dass ich 33 bin, aber deswegen muss ich nicht irgendwen heiraten. Meine Brüder wurden blass, weil sie auch alle unverheiratet waren. Sie riefen. „Mutti!“
Mutti klickte und die einzelnen Punkte waren sichtbar. Ich musste lachen. Irgendwie eine Geburtstagsparty, die nicht jeder hat.
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