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Dienstag, 7. Februar 2017

Kurzgeschichte "Wenn man träumt"

Sie fühlt sich wie eine Flucht an, wenn man träumt, dachte Katharina. Das sanfte Schaukeln des Waggons in der S-Bahn ließ ihre Gedanken schweifen. Katharina dachte in letzter Zeit viel über die Zeit nach. Der Spruch „zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein“ ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Heute war es soweit. Noch zehn Minuten würde sie in dem Zug sitzen, dann müsste sie dort hin gehen und es einfach tun. Katharina genoss die Klimaanlage, die an diesem heißen Sommertag still ihren Dienst verrichtete.
Endlich war sie in Werden angekommen. Sie lief mit einer inneren Vorfreude im Bauch zur Bushaltestelle. Sie hatte das Gefühl innerlich zu glühen. Wie lange hatte sie auf diesen Moment gewartet. Wie lange hatte man sie ausgelacht. Wie lange hatte sie sich darüber hinweg gesetzt. Und vor allem: Wie lange hatte sie gewartet, um endlich das zu tun, wovon sie schon als Mädchen träumte. In ihrem knallpinken Rucksack hatte sie ihre Klamotten eingepackt und ihre neuen schwarzen Schuhe. Sie hatte gezögert, sie zu kaufen, doch sie wollte ihr Bestes geben.
Katharina stieg in den Bus ein. Sie grinste den Busfahrer an und bezahlte die Busfahrt. Die Münzen klimperten. Sie bekam nur noch einen Stehplatz. Mit einem festen Griff umklammerte sie die Stange. Sie richtete sich auf, um in den Kampf zu ziehen. In acht Minuten müsste sie aussteigen und dann das Gebäude, das sie bisher nur aus dem Internet kannte, betreten. Ihr Magen gurgelte. Sie überlegte, ob sie vielleicht doch Baldrian hätte nehmen sollen. So eine Prüfung ist nichts für schwache Nerven. Sie durchwühlte ihren Rucksack, aber sie hatte nichts einstecken. Sie fluchte. Da kam die Durchsage „Klemensborn“. Ganz schnell setzte sie wieder ihren Rucksack auf und hüpfte aus dem Bus.
Keine zehn Minuten später stand sie vor dem Saal, den man ihr in der Einladung genannt hatte. Eine hohe, dunkelbraune Doppel-Holztür gab noch nicht preis, was auf Katharina wartete. Katharina blickte auf ihre Armbanduhr. Jeden Moment müsste die Tür aufgehen. Und dann, als wäre es die größte Selbstverständlichkeit der Welt, öffnete sich die Tür und eine schlanke, zierliche Frauengestalt mit einer blonden Hochsteckfrisur und undefinierbarem Alter rief ihren Namen auf. „Katharina Müller“ schallte es in ihren Ohren. Katharina betrat den Raum. Er war pompöser als sie sich es vorgestellt hatte. Ein herrliches Holzparkett glänzte zu ihren Füßen. An der rechten Wand hingen die obligatorischen Spiegel. Und links saßen drei Menschen, die auf sie warteten. In der Mitte saß eine brünette Frau in Katharinas Alter, mit einer Lesebrille, die auf der Nase heruntergerutscht war. Sie bat Katharina sich im rechten Nebenraum umzuziehen. Katharina schritt wie in Trance in diesen Raum und zwängte sich in die schwarze Stretchhose. Sie wurde sich ihres Übergewichtes wieder bewusst. Aber schwarz macht doch schlank, sagte sie sich zur Beruhigung. Sie atmete einmal tief durch, dann wechselte sie das T-Shirt. Beige war ihre Lieblingsfarbe. Sie ergänzte sich gut zu ihren dunkelbraunen Haaren. Sie machte sich einen Pferdeschwanz und schließlich band sie sich die Schuhe zu. Schon beim Laufen merkte sie, dass die Schuhe gut am Boden hafteten. Und dann ging sie in den großen Saal und begann das zu machen, was sie seit Monaten übte. Sie tanzte und das mit ganzem Herzen. Es war ihr Traum und das wollte sie die Jury wissen lassen.
Links und rechts neben der brünetten Juryfrau saßen zwei Männer. Einer hatte graue kurze Haare und war komplett in schwarzer Tanzkleidung gekleidet. Er wirkte athletisch. Der andere Mann hatte schwarze Rastalocken, eine dunkle Hautfarbe und schaute besonders ernst.
Katharina war nach dem Tanzen viel nervöser. Sie musste aber nicht lange warten. Die Frau ergriff als erstes das Wort. Katharina entzifferte den Namen „Siebenhaar“ auf dem kleinen Schild auf dem Tisch. „Frau Müller, wir brauchen noch ein paar Infos zu Ihrer Person.“ Der junge Rastalocken-Mann sprach weiter. „Warum tanzen Sie?“ Katharina holte tief Luft. „Weil es mir Spaß macht.“ Im gleichen Moment bereute sie ihre Antwort. Die Antwort war so nichtssagend. Sie wollte sie korrigieren, aber der Rastalocken-Mann redete sofort weiter. „Es gibt viele Dinge, die Spaß machen, trotzdem will man sie nicht studieren.“ Was sollte sie nur darauf antworten? Sie hörte sich sagen: „Schon als kleines Mädchen wollte ich tanzen.“ Eine große Stirnfalte bildete sich beim Rastalocken-Mann. „Ich will wissen, was sie bewegt, mit 50 Tanz zu studieren.“ Da war die Bombe geplatzt. Ihr Alter war doch ein Thema. Sie stammelte. „Ich will das, deswegen mache ich das.“ Nun mischte sich der Grauhaarige ein. „Können Sie das nicht genauer beschreiben? Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie tanzen?“ Katharina senkte leicht den Kopf. „Ich bin dann ich. Das ist, was ich fühle.“ Ein Schmunzeln huschte über das Gesicht des Grauhaarigen. Die Gesichter von Frau Siebenhaar und dem Rastalocken-Mann blieben ernst. Frau Siebenhaar mischte sich ein. „Frau Müller, Sie wissen schon, dass wir nur die Besten nehmen?“ Katharina nickte. „Ja.“ war alles, was ihr einfiel. Frau Siebehaar blickte auf ihre Uhr. „Wir müssen uns besprechen. Wenn Sie solange draußen warten würden.“ Die zierliche Frau erschien wieder und geleitete Katharina nach draußen. Übelkeit breitete sich in ihrem Körper aus. Was, wenn sie nicht gut genug war? Was, wenn das monatelange Üben des Improvisationstanzes keine Früchte zeigen würde? Ihre Tanzlehrerin machte ihr beim Üben sehr viel Mut. Sie meinte, sie wäre zwar ein wenig mollig, aber beim Tanzen wäre sie so gut, dass der Zuschauer es glatt vergessen würde. Ihr Ausdruck wäre einmalig. Aber was dachte die Jury über sie?
Nach einer Viertelstunde, die gefühlt Stunden betrug, führte die zierliche Frau Katharina wieder hinein. Katharina stellte sich demonstrativ selbstbewusst vor die Jury. Frau Siebenhaars Worte waren allerdings nicht das, was sie erwartete. „Frau Müller, wir haben lange diskutiert. Als erstes: Wir haben gerne zugesehen, aber wir haben das Gefühl, dass Sie Ihren Körper nicht vollkommen im Griff haben. Es heißt nicht, dass Sie keinen Ausdruck hätten. Es ist nur, dass Sie...“ Sie schwieg über diesen Punkt und sah stattdessen zu den ihr zunickenden Männern. Katharina sprach sehr leise. „Bin ich zu alt?“ Frau Siebenhaar rang nach Worten. „Es ist nicht der wesentliche Punkt, aber es könnte einen Zusammenhang geben. Wie gesagt, der Körper ist das Instrument beim Tanzen, das Sie perfekt bedienen sollten. Und ich wiederhole mich ungern, aber wir nehmen nur die Besten. Also muss ich leider Ihnen mitteilen, dass wir Sie nicht aufnehmen können.“ Der Grauhaarige setzte noch hinzu. „Alle Studenten sind zudem wesentlich jünger als Sie. Sie hätten keinen Anschluss.“ Und der Rastalocken-Mann meinte: „Es ist doch ein schönes Hobby.“ Katharina schluckte. „Für mich ist es mehr als ein Hobby. Deswegen will ich es doch studieren.“ Frau Siebenhaar sagte: „Frau Müller, bitte verstehen Sie unser Urteil nicht falsch. Es ist keine Herabwertung Ihrer Person, aber wir müssen an dieser Uni ein gewisses Niveau halten. Es geht um unser Image.“ Katharina stand das Wasser in den Augen. Ganz ohne Vorwarnung fiel sie auf die Knie. Sie bettelte. „Bitte, ich würde alles dafür tun, um Tanz zu studieren.“ Sie blickte zum Grauhaarigen. „Ich würde mich bestimmt anpassen, ganz bestimmt.“ Frau Siebenhaar sah mit Ekel zu Katharina. „Frau Müller, bitte stehen Sie wieder auf.“ Aber Katharina blieb trotz dieser Anweisung kniend sitzen. Sie jammerte. „Sie wissen gar nicht, was mich diese Prüfung an Überwindung gekostet hat.“ Frau Siebenhaar horchte auf. „Überwindung?“ Katharina fuhr fort. „Ja, Überwindung. Ich weiß, dass der Zeitpunkt ungünstig gewählt ist aus Ihrer Sicht, aber aus meiner Sicht ist es der richtige Zeitpunkt. Noch bin ich gelenkig und beweglich. Ich bin topfit. 30 Kilo stemme ich im Sportstudio. Ich habe mir Arme antrainiert, die nicht schwabbelig sind. Ich sitze drei Mal die Woche auf einem Trainingsfahrrad. Meine Beine sind muskulös. Aber der Bauch, ich weiß dieser Bauch ist die Hölle. Aber wenn Sie genau diesen Bauch ausblenden würden aus Ihrer Bewertung, hätte ich gewonnen. Habe ich Recht?“ Und Katharina stand wieder auf. Sie wollte ihren Rucksack nehmen und wieder heimfahren. Die Sache war gelaufen, auch wenn sie die Dinge direkt ansprach.
Da räusperte sich Frau Siebenhaar. „Sie sind ungewöhnlich direkt, Frau Müller. Das schätze ich an Menschen. Ich kann zwar meine Entscheidung revidieren, aber ich weiß nicht, ob Sie damit wirklich glücklich werden.“ Katharina schniefte. „Ich bin nicht auf der Suche nach Glück.“ Der Grauhaarige runzelte seine Stirn. „Den Eindruck haben wir aber von Ihnen. So eine Art Midlife-Crisis.“ Der Rastalocken-Mann ergänzte: „Den Eindruck habe ich auch. Sie wollen sich etwas beweisen. Und das ist kein guter Einstieg.“ Katharina sah einen Strohhalm, nach dem sie griff. „Aber diese jungen Dinger, die wollen sich doch auch etwas beweisen. Was ist falsch daran?“
Frau Siebenhaar strich sich durch die Haare. „Frau Müller, bitte verstehen Sie uns nicht falsch. Irgendwo bewundern wir auch Ihre Pläne, aber es ist die richtige Entscheidung. Irgendwann werden Sie es verstehen.“ Und dann verabschiedete sich Frau Siebenhaar. Der Grauhaarige gab Katharina beim Hinausgehen sogar die Hand und der Rastalocken-Mann lächelte sie an.
Katharina ging mit einer Niederlage im Herzen. Sie saß in dem sanft schaukelnden Waggon der S-Bahn. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um ihren geplatzten Traum. Zeit fühlt sich wie eine Flucht an, wenn man träumt, dachte sie. Und dann dachte sie an die Worte ihrer Tanzlehrerin. Sie fand gut, dass Katharina den Mut hatte, es zu probieren. Katharina grinste. Und dann stand ihr Entschluss fest. Sie würde es nächstes Jahr wieder probieren. Sie würde diese Jury überzeugen. Sie wusste ja jetzt, worauf es ankam. Das wusste sie vorher nicht. Und so träumte sie vor sich hin und spürte die Zeit tief in sich. Sie tickte.

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