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Sonntag, 3. Juni 2012

Das stille Mäuschen (Teil 1 von 3)

Ich hätte was sagen sollen. Ja, aber woher hätte ich wissen sollen, dass es so wichtig ist. Verdammt wichtig. So wichtig, dass ich mich heute noch furchtbar ärgere. Meine Erzrivalin hatte mir damals sogar zugeraunt, dass ich doch selber schuld sei. Wer nichts sagt, bekommt die Quittung.

Ich fange ganz vorne an. Es war der 23. Juni 1611. Ich befand mich auf einem Schiff namens Discovery. Ein schönes Schiff. Edel und anmutig glitt es durch die Meere. Immer wieder hörte ich Streitereien, Wortgefechte um den Kurs. Es ist wohl nicht immer einfach, als Kapitän den Crewmitgliedern zu befehlen, wo es lang geht. Vor allem, wenn die Mannschaft von Hunger geplagt wurde. Aber ich wusste, wo es einen Geheimvorrat gab. Das behielt ich schön für mich, sonst hätte ich ja nichts mehr zum Beißen gehabt.

Dienstag, 22. Mai 2012

Was ist Glück?

Kapitel 1: Wollen ist mehr als Können
Selbst die mahagonibraune Farbe auf dem Holzrahmen des großen, runden Frisierspiegels, der wie ein Tor zu einer anderen Welt in dem Garderobenraum des Theaters hing, wollte nicht an jenem Morgen da bleiben, wo sie hingehörte. Ich strich mit dem rechten Zeigefinger über die rissige Farbe. Ein paar Farbschuppen klebten an meinem Finger. „Mist“ hauchte ich und blickte in den Spiegel. Sollte ich wirklich warten, bis die ganze Farbe abblätterte oder würde ich endlich etwas unternehmen?

Eigentlich hatte der Tag ganz nett begonnen. Ich war aufgewacht, neben mir lag Axel. Sein brauner Wuschelkopf stand nach allen Seiten ab. Wir hatten es gestern Nacht mal wieder ganz schön übertrieben. Ich liebte es, ihm beim Schlafen zuschauen zu können. Es war ein scheuer Blick in das Buch der Ewigkeit. Ja, ewig könnte es so gehen. Einfach nur gucken und träumen – vom gemeinsamen Glück.

Der Spiegel offenbarte mein Äußeres gnadenlos. Dunkle Augenringe starrten mir entgegen. Wie viele Stunden hatte ich wohl geschlafen? Kaum gedacht, schon bewegte sich mein Kiefergelenk. Ein löwenähnliches Gähnen. Mein Spiegelbild sah mutig aus. Cool. Das würde ich brauchen.

Ein energisches Klopfen an meiner Garderobentür ließ mich aufhorchen. Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete sich die Tür mit einem knarzenden Vibrato. Ein Hauch von Erde nach einem frischen Sommerregen kitzelte in meiner Nase. Ich kannte nur einen, der so einen Eigengeruch hatte. Ich stand auf, verabschiedete mich von meinem desaströsen Spiegelbild und drehte meinen Körper schwungvoll auf meinem rechten Fußballen. Meine Arme schwangen freudig nach oben, bereit für die Umarmung.

Axel grinste mich frech an. „Na, bereit für den großen Auftritt, Hannah?“ Er fühlte sich gut an. So warm. Wie immer. Warum konnte ich mich nicht überwinden, es ihm endlich zu sagen? Er hob mit seiner Hand sanft mein Kinn an. „Dich bedrückt was, oder?“ Ich lächelte meine Aufregung weg. Seine dunkelbraunen Augen, tief und unergründlich, blickten in die blauen Seen meiner Seele. Er zog die Hand unter meinem Kinn weg. „Sag es.“ Ich konnte ihm nichts vormachen. Ich löste mich aus seiner Umarmung, schlich wie eine Katze zu meinem Frisierspiegel und setzte mich wieder auf den alten Garderobenstuhl mit dem abgewetzten Blümchenpolster. Nervös begann ich mit dem Zeigefinger in dem Cremetöpfchen zu wühlen. Als ob dort die Antwort wäre. Ich schmierte mein Gesicht ein. Eine Maske, die Schutz versprechen könnte.

Er beobachtete mich, still und nachdenklich. Er analysierte die Situation. Ich sah es an seinen Stirnfalten.
Plötzlich stand er hinter mir, massierte sanft meine Schultern. „Sag es mir vorher, sonst nimmst du es mit auf die Bühne.“
Ich griff nach dem schwarzen Mascara und zog die Bürste heraus. „Ist das der Regisseur, der mit mir spricht?“
Seine Hände hörten auf meine Schultern zu massieren. „Du weißt, dass ich an dir interessiert bin, mehr als interessiert.“ Er lächelte unsicher. Dann tauchten wieder die Stirnfalten auf. „Hannah, du solltest es sagen, und zwar vor der Aufführung.“

Um Himmels willen, ich konnte nicht. Und deswegen hatte ich immer wieder Unglück. Es klebte an meinen Fingern, so wie die eine braune Farbschuppe vom Spiegel. Wenn ich es jetzt sagen würde, was würde passieren? Er würde sagen, ich hätte es absichtlich gemacht, mit voller Absicht.
Ich zog langsam die Mascarabürste vom Wimpernansatz hoch. Ich hielt die Augen auf, denn ich wollte um keinen Preis blinzeln. „Axel, ich kann diese Rolle heute spielen.“ Ein Lächeln huschte über mein Gesicht und überdeckte meine Augenringe. „Auch wenn ich ganz schön müde bin.“ Seine Stirnfalten verschwanden schlagartig. Er hob den Zeigefinger in die Höhe. „Ich weiß es, ja, ich weiß es. Frauen sind alle gleich. Du willst mehr, stimmt’s?“
Mein Gesicht hatte schlagartig eine stärkere Durchblutung. „Wie meinst du das?“ Seine rechte Augenbraue hob sich. „Du willst, dass wir zusammenziehen?“
War es das, was ich wollte? Ich fand, dass seine Frage vorwurfsvoll klang. Wollte er überhaupt nicht und ich bedrängte ihn mit meinen Gefühlen?

Kapitel 2: Die Perfektionistin?
Die Scheinwerfer waren heute besonders grell. Mein Schädel brummte. Ich lag auf dem Boden, bereit zu sterben. In meiner Nase vernahm ich den Geruch von fünfzig Jahren Schauspielerschweiß, der in den schwarzlackierten Holzbohlen Jahr für Jahr versickerte. Meine rechte Hand hielt ich zur Abwehr vors Gesicht. Ich schleuderte meinen Text ins Publikum. Der Schurke vor mir überlegte, hielt inne, ließ das Schwert nach unten sinken. Er erkannte mich. Dann half er mir hoch. Mein zerlumptes dunkelbraunes Kleid aus Pannesamt mit weißer Spitze war ein Meisterwerk der Schneiderin. Niemand sah elender aus als ich.

Die harten Gesichtszüge des Schurken wurden weicher. Seine Hand strich mein Gesicht, er umschmeichelte es. Ich kämpfte mit den Kopfschmerzen. Musste ich ihn meinen Kollegen wirklich küssen? Das war der Part, der mir verdammt schwer fiel. Aber das Publikum wollte es sehen. Axel wollte es sehen. Wollte er es wirklich sehen?

Ich stellte mir Axel vor. Ich musste ihn mir vorstellen, weil die Scheinwerfer keinen Blick ins Publikum zuließen. Nur die Umrisse der Menschen in der ersten Reihe konnte ich erkennen. Ganz rechts, ja, das mussten seine Umrisse sein.
Wäre Axel eigentlich eifersüchtig, wenn ich meinen Schauspielerkollegen heftiger als sonst küsse, hier und jetzt? Würde das etwas ändern?

Ein Grinsen umspielte meine Lippen. Der Schurke blickte leicht erstaunt. Ich sprach meinen Text und dann knutschte ich ihn ab, nach allen Regeln der Kunst. Das Publikum johlte. Und dem Schurken gefiel es. Ach, er war ja gar kein Schurke mehr. So ist das Leben eben, auf einmal ist der Schurke ganz nett. Und zack, haste dich versehen, war es der Typ, den du toll findest. Oder fand so was doch nur auf der Bühne statt? Sind in Wirklichkeit nur die netten, die eine Chance haben?

Aus dem Augenwinkel heraus sah ich auf Axels Platz. Applaudierte er? Ich löste mich aus der Umarmung. Mein Schauspielerkollege atmete schwer, strahlte mich an. Wir verneigten uns. Und dann sah ich den leeren Platz. Kein Axel. Was hatte ich nur getan? Für das Publikum sah es aus, als hätte ich es für die Kunst getan. Aber ich und anscheinend auch Axel wussten, dass ich es wissen wollte.

Kapitel 3: Dornröschen weigert sich
Die Aufführung war zu Ende. Wir standen hinter dem schweren, dunkelroten Samtvorhang, der sich soeben geschlossen hatte. Axel war aufgeregt. So viel Applaus hatten wir noch nie. Seine Hand ließ meine nicht mehr los und er sah mich von der Seite an. Seine Stimme war gedämpft. „Hannah, bei der letzten Aufführung warst du ganz anders.“ Ich schob mein Kiefergelenk leicht zur Seite. „Du hast mir oft genug gesagt, dass ich mit mehr Power spielen soll. War ich nicht gut?“ Ich merkte, dass meine linke Hand die Hand meines Schauspielerkollegen und Schurken fester umschloss. Er ließ los. Als ich zur Seite blickte, war er schon im Flur. Axel zog mich zu sich. „Hannah, was hast du dir dabei gedacht?“
Habe ich mir wirklich dabei was gedacht? Warum habe ich es nur getan? Ich musste wieder an die Farbschuppe an meinem Zeigefinger denken. Das Unglück klebte an mir. Das Gefühl, dass der Lack abging, ließ mich nicht mehr los. Leichte Übelkeit breitete sich in meiner Magengegend aus.
Plötzlich lachte Axel los. „Du warst grandios.“ Und ich dachte schon, er hätte erkannt, was mein Plan war. War er wirklich nicht einen winzigkleinen Hauch eifersüchtig?
Er strich eine blonde Haarsträhne aus meinem Gesicht und hauchte. „Du bist grandios.“ Er legte den Kopf schief, spitzte die Lippen. Schlagartig entzog ich mich der Umarmung. Axels Hände schnellten hoch, seine Finger waren weit gespreizt. „Was ist?“ Ich zeigte auf meine struppigen Haare. „Ich muss mich schick machen.“ Seine Stirnfalten aktivierten sich. „Hannah, es ist immer noch wegen vorhin, oder?“
Ich schlurfte bereits den langen, dunklen Flur hinter der Bühne entlang, als er das „oder“ sagte. Das „oder“ hallte in meinen Ohren. Ich fühlte mich wie ein riesiges „Oder“. Ich wollte aber ein „und“ spüren. Ein „und“ ist immer besser, oder?

Kapitel 4: Sorge und Eifersucht

Die Decke im Flur war so erdrückend niedrig. Der Boden schwankte unter meinen nackten Füßen. War ich krank? Zu wenig Schlaf, dachte ich. Mit einer Hand stützte ich mich an der weißen Wand ab. Ich rief nach Axel.
Als ich erwachte, lag ich in Axels Armen. Warm, weich, erdig duftend. Sein besorgter Blick stand ihm verdammt gut. „Geht es dir wieder besser, Schatz?“
Mein Gehirn ratterte. Meine Ohren trauten ihrem Trommelfell nicht. Er hatte Schatz gesagt, eindeutig, hier und jetzt. Ist es das, was er brauchte? Vielleicht war er doch derjenige, der für immer mein Regisseur sein sollte? Aber wollte er es auch?
Hinter mir hörte ich die Stimme von Inge, unserer Frau von der Theaterkasse. „Hier habe ich eine Wolldecke.“ Er griff nach der moosgrünen Wolldecke und wickelte sie um mich. Dann hob er mich hoch und trug mich über die Schwelle des Garderobenraumes. Auf dem dunkelgrünen Plüschsofa stapelte er zwei dicke, rote Kissen unter meinem Kopf. Er kniete vor mir und hielt meine Hand. „Ich hole dir ein Glas Wasser, Schatz.“ Da war es wieder. Dieses neue Wort. Also hatte sich wohl was verändert. Oder war er immer schon so?
Axel eilte aus dem Garderobenraum. Ich begann die Glühbirnen der Lichterkette, die um den Frisierspiegel drappiert war, zu zählen. Bei 33 schreckte ich auf. Der Kollege erschien im Spiegel, eine Hand hinter seinem Rücken. Sein Schurkenkostüm hatte er abgelegt. Seine schwarzen, kurzen Haare waren kunstvoll mit Gel eingeschmiert. Unter seinem weißen T-Shirt konnte ich die Muskeln einzeln zählen. Das T-Shirt steckte in einer engen Blue Jeans.
Was wollte der Typ hier? Er war doch noch nie nach einer Aufführung in meiner Garderobe. Als könnte er meine Gedanken lesen, begann er vorsichtig zu reden. „Du fragst dich bestimmt, was ich hier suche?“ Ich räusperte mich und fragte mich insgeheim, wo denn Axel bliebe. Der Kollege näherte sich dem Sofa und holte die Hand hinter dem Rücken hervor. Oh, er hatte ein Glas Wasser in der Hand. „Danke“, stammelte ich und streckte meine Hand aus. Ich nippte am Wasser. Es war schön kühl. Er kam noch näher, er war nun in Griffweite. „Und geht es dir wieder besser?“ Er sah sich in der Garderobe um. „Schön hast du’s hier. Echt.“ Er sah auf den Frisierspiegel, mit zwei großen Schritten erreichte er ihn und strich mit seinem Zeigefinger über den Rahmen. „Der bräuchte mal einen neuen Anstrich.“ Er drehte sich zu mir. „Ich könnte ihn dir abschmirgeln und neu anstreichen. Was meinst du?“ Seine grünen Augen strahlten. Ich setzte mich auf. „Jörg, das ist wirklich nett von dir.“
In diesem Moment sah ich Axel durch die Tür rauschen, ebenfalls ein Glas Wasser in der Hand. „Schatz, das ist eine gute Idee von Jörg.“ Ich nickte, obwohl ich ahnte, dass es keine gute Idee war.
Axel schritt auf Jörg zu. Er stand verdammt nahe vor ihm. Entweder kannten sie sich näher oder er wollte ihm zeigen, was er von Konkurrenz hält. Das Glas in Axels Hand zitterte. War es Eifersucht? Warum hatte ich Jörg nicht einfach wieder rausgeschickt? Jörg grinste Axel frech an. „Der Kuss war heute richtig überzeugend, was, Axel?“ Das Glas Wasser vibrierte. Mit einem Schwung ergoss sich das Wasser über Jörgs erstauntes Gesicht. Jörg stand einfach nur da. Axel schnappte sich ein Tuch, das über dem Stuhl hing und tupfte Jörg damit grob ab. „Das tut mir leid. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.“ Jörg blickte zu mir. „Vielleicht könnten wir nachher noch ein Bier miteinander trinken?“ Jörg tat mir leid, das hatte er nicht verdient. Er hatte mir doch Wasser gebracht. Ich nickte. „Um elf in der Brezel.“ Er lächelte triumphierend zu Axel. Axel brummte. „Das war wohl noch nicht genug Wasser.“ Jörg bellte zurück. „Anscheinend nicht.“ Ein bühnenreifer Auftritt für einen Regisseur. Ich war erstaunt. Ich schlüpfte unter der Wolldecke hervor, stellte mich leicht schwankend hin. Dann faltete ich die Wolldecke und legte sie aufs Sofa. Wortlos verließ Axel meinen Garderobenraum.

Toll, dachte ich. Ich hätte Jörg absagen müssen. Warum hatte ich nur genickt? Richtig, um Axel noch mehr einzuheizen. Und Axel wurde es zu viel. Hatte ich es übertrieben? Mein Handy vibrierte. Eine SMS - von Axel. Er schrieb, dass er nachher zu mir kommen würde, aber vorher müsse er noch eine Kleinigkeit aus seiner Wohnung holen.
Ich war mir sicher, dass ich es bald Axel sagen konnte. Bisher hatte er zwei Tests bestanden. Erstens war er auf den Kuss mit Jörg eifersüchtig. Und er mochte es nicht, wenn ich mich mit anderen Männern traf. Zweitens: Er konnte sich Sorgen um mich machen. Welcher Test würde mir noch beweisen, dass er der Richtige sei? Ich musste es wissen. Es war zu wichtig. Und vor allem musste ich es ihm sagen. Irgendwann, aber bald.

Kapitel 5: Glück ist eine Seifenblase
Axel hatte ich vor drei Jahren kennengelernt. Damals war ich gerade fertig mit meiner Ausbildung als Schauspielerin am Tschechow-Institut in Berlin. Ich war 25 und voller Tatendrang. Meine langen blonden Haare hatte ich zu einem Pferdeschwanz gebunden. So fand ich mich dynamischer . Ich bewarb mich immer und immer wieder. Ich lief mir die Hacken ab. Ein Theater nach dem anderen. Und dann stand ich an jenem Freitag, den dreizehnten vor diesem Theatereingang. Ein schnuckeliges kleines Theater, genau das richtige für mich als Anfängerin. Meine Füße wollten nicht rein, aber mein Kopf sagte mir, los, komm noch dieses eine Bewerbungsgespräch. Und dann kam er um die Ecke. Braune, kurze Haare, dunkelbraune Augen, ein offenes Lächeln. Kurzum, er strahlte wie die Sonne. Und ich fühlte mich wie die einzige Wolke an diesem strahlendschönen Sommertag im Juni. Er fragte mich, ob ich auch eine von den Bewerberinnen sei. Ich hatte ein fettes Kloß im Hals. Trotz meiner Ausbildung als Schauspielerin hatte ich Schiss. Was sollte ich sagen? Ich sagte nichts und er lächelte mich an. Und dann forderte er mich auf, mitzukommen. Er war die Eintrittskarte in diese andere Welt. Das hatte ich damals schon gespürt. Er war anders. Schon immer. Und das liebte ich so an ihm. Und das war der erste Freitag, der dreizehnte, der mir Glück gebracht hatte.

Ich schnaufte auf. Die Uhr zeigte zehn nach elf. Ich war allein in der „Brezel“. Ich hatte mich gleich an den Tresen gesetzt. Wo blieb nur Jörg? Mein Handy vibrierte. Eine SMS, schon wieder von Axel. Er wäre bei mir und würde warten. Ich schrieb zurück, dass es noch dauern würde und drückte auf Senden.

„Hi!“ tönte es in meinem rechten Ohr. Ich hob meinen Kopf. Es war Jörg. Er zeigte auf den Hocker neben mir. „Ist der noch frei?“ Ich nickte. Jörg schnippte mit den Fingern. „Ein Bier, bitte!“ rief er der Bedienung entgegen. Es war eine vom Typ Studentin. Sein Blick scannte sie wohlwollend ab. Kein Wunder, ihr schwarzer Minirock war mehr als Mini und ihr schwarzes Top mit Spaghettiträgern ließ keine Wünsche offen. Erheitert grinste er zu mir. „Und geht es wieder besser?“ Ich legte das Handy neben mein leeres Glas. Er sah mich fragend an. „Auch ein Bier?“ Ich schüttelte den Kopf. „Heute nicht.“ Er legte seinen Arm um meine Schulter. „Aber heute gibt es doch was zu feiern.“ „Ach, ja, was denn?“ Er tätschelte meine Hand. „Inge von der Theaterkasse hat mir erzählt, dass die nächste Aufführung bereits ausverkauft ist.“ Ich gab ein „Wow“ von mir. Dann muss ich wohl ganz gut gewesen sein, spukte es mir durch den Kopf. Ich griff nach meinem Handy und schickte die gute Nachricht per SMS an Axel los. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. „Du bist du in der Brezel, oder?“ war seine Antwort.

Jörg beobachtete mich. „Na, wem hast du was geschrieben? Unserem Regisseur?“ Die Bedienung kam zu uns und stellte das Bier ab. Jörg schaute mich konzentriert an, so als ob er eine Studie über das Verhalten von Frauen machen wollte und nur noch diese eine Frage beantwortet haben wollte. Diese Frage, woran Männer erkennen können, ob die Frau sie wirklich mag. Er beugte sich zu mir. „Habt ihr was miteinander?“ Na toll, dachte ich. Wie komme ich jetzt aus der Nummer heraus. Ich hätte es mir denken können. Warum tue ich nur so ein blödes Zeug. Ich mache ihm Hoffnungen und dann muss ich ihm sagen, dass ich wohl doch nicht was von ihm will. Und Mist, das ist auch noch mein Kollege, den ich nächste Woche bei der bereits ausverkauften Vorstellung knutschen soll.
Ich schnippte nach der Bedienung und bestellte eine Cola. Ich brauchte etwas Koffein, was außerdem gut bei meinem momentanen labilen Kreislauf war.
Jörg ließ nicht locker. „Und stimmt das? Inge hat es mir erzählt.“ Wie würde er reagieren? Was sind diplomatische Worte, wenn der andere mehr will? Wir sind doch Kollegen. Andererseits sollte ich zu Axel stehen. Ich war so sauer auf mich. „Ach, Inge hat es erzählt. Interessant.“ Er nahm einen kräftigen Schluck von seinem Bier und stellte das Bierglas wieder ab. „Ich dachte nur, dass es ganz gut wäre zu wissen.“ Er sah mich fragend an, fast wie ein kleiner Junge. Er hatte so etwas Jungenhafte, obwohl er eine imposante Figur hatte. Er neigte nun seinen Kopf zu mir, so als wollte er mir ein Geheimnis anvertrauen. Würde er jetzt erzählen, dass er seinem Lehrer einen Streich gespielt hatte und der Lehrer zu doof war, um herauszukriegen, wer es war?
Aber Jörg errötete. Seine Zunge schien festzukleben. Wieso sagte er nichts? Das kam mir bekannt vor. Ich musste gehen, sofort. Bevor es zu einem Unglück kam. Mein rechter Fuß berührte bereits den Boden, aber mein Hintern klebte noch auf dem Hocker, als mein Handy erneut vibrierte.
Es war Axel. Ich konnte es gar nicht mehr lesen. Denn als ich mich umdrehte, war das bereits geschehen, was in der SMS stand. „Ich bin hier.“

Axel stand mit geballten Fäusten hinter Jörg. Zu allem Unglück löste sich Jörgs Zunge. „Hannah, ich finde dich toll, weißt…?“ Das „du“ ging unter, weil Axel Jörg vom Hocker heruntergezogen hatte. Jörg stellte Axel ein Bein und schubste ihn. Axel lag auf dem Boden. Als er aufstehen wollte, setzte sich Jörg auf seinen Bauch. Schließlich kippte Axel von seinem Bauch herunter. Und die beiden lagen ineinander verknäult auf dem Boden und kugelten umher. Eine Menschenmenge hatte sich um sie gebildet. Ich sah, wie Inge, die Frau von der Theaterkasse sich nach vorne drängte. Sie rief nach Jörg. Und Jörg hielt inne. Das nutzte Axel aus und drehte Jörg die Hände auf den Rücken.
Mit einem Mal schämte ich mich. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Ich hatte einen Schauspielerkollegen und seinen Regisseur aufeinander aufgehetzt. Was, wenn die Aufführung nächste Woche platzt, weil Jörg mit mir nicht mehr auftreten will? Oder wenn Axel mich feuert?

Ich floh aus dem Lokal. Ich brauchte dringend frische Luft. Warum hatte ich das nur getan? Das Ganze schien aus den Rudern zu laufen. Ich lehnte mich mit dem Rücken an die Hauswand. Ich atmete tief ein und aus.
„Na, Hannah, immer noch Kreislaufprobleme?“ Es war Inge. Sie lächelte so wissend.

Kapitel 6: Schwerelosigkeit und Glück
Ich staunte nicht schlecht, was mir Inge erzählte. Inge, die kleine, unscheinbare Inge. Immer fröhlich und gut gelaunt saß sie an der Theaterkasse. Sie sah mich an, fragend, wartend. Ich wusste keine Antwort. Strähnen ihrer kurzen brünetten Haare hingen ihr ins Gesicht und ihre Augen blitzten neugierig. „Na, und was hälst du davon, Hannah?“ Ich zog die Schultern hoch. Sie war enttäuscht. „Das ist alles?“ Sie konnte ja nichts dafür, dass ich so ein Unglück mit Männern hatte. Also umarmte ich sie und beglückwünschte sie zu ihrer Entscheidung. Sie dankte mir. Und dann hatte ich das Gefühl, dass sie mindestens zehn Zentimeter über dem Erdboden schwebte. Verdammt, Inge hatte mehr Mumm in den Knochen als ich. So ging das nicht weiter. Ich musste etwas tun. Jetzt.

Es war schwül in dem Lokal, als ich wieder in die Menschenmenge eintauchte. Ich hatte Mühe, mich durchzukämpfen. Die „Brezel“ war beliebt, vor allem heute Abend. Ich blieb an dem Platz stehen, an dem ich vorhin gesessen hatte. Die Bedienung zeigte auf mein Glas, noch halbvoll mit Cola. „Ich dachte mir schon, dass sie wieder kommen.“ Mein Blick schweifte nach links und rechts. Ich konnte die beiden nicht entdecken. Die Bedienung stellte sich auf die Zehenspitzen und deutete in die Ecke mit den gerahmten Bildern eines Comickünstlers. „Die sind da hinten.“ Eine riesige Knollennase schwebte genau über einem unglaublichen Bild von Harmonie: Jörg und Axel prosteten sich mit einem Bier zu.

Inge hatte wohl recht mit ihren Vermutungen. Ich war geladen. So richtig. Mit energischen Schritten näherte ich mich den beiden Schauspielern. Vor dem Tisch hielt ich abrupt an. „Na, wieder versöhnt?“ Axel lächelte mich an, Jörg auch. Ich setzte mein ernstes Gesicht auf. „Inge hat mir von eurem Plan erzählt.“ Jörg wurde bleich. Axels Grinsen erstarrte. „So, hat sie das?“ Ich stampfte wütend auf. „Ja, hat sie.“ Ich verschränkte meine Arme. „Ich warte auf eine Antwort, meine Herren.“
Mir war die Sache wirklich entglitten. Vollkommen. Ich dachte, ich wäre diejenige, die Tests machen würde, ob Axel eifersüchtig sei. Und in Wirklichkeit hatte Axel mit Jörg gewettet, dass Jörg sich nicht traut, sich mit mir zu verabreden. Und er wollte testen, ob ich die Richtige sei. Inge hatte es mitgehört. Man hatte mir einen üblen Streich gespielt.

Jörg fand als erstes seine Sprache wieder. „Inge, hat es dir erzählt?“ Ich nickte mit saurer Miene. Axel stand auf. „Setz dich zu uns, Hannah. Komm schon.“ Aha, das war die Lass-uns-wieder-vertragen-Nummer. Ich war nicht bereit dafür. Aber Axel setzte seinen Teddyaugen-Blick auf. Einen kleinen Schritt könnte ich ja wagen. Ich machte einen Mini-Schritt. „Warum habt ihr euch gekloppt?“ Jörg schaute etwas betreten. „Hannah, wir sind halt Jungs.“ Ich näherte mich vorsichtig dem Sitzplatz neben Axel. „Die Antwort reicht mir nicht.“ Axel war auf einmal sehr ernst. „Hannah, Jörg kenne ich seit meiner Kindheit. Wir haben es nur aus Spaß gemacht. Ich wollte sehen, wie du reagierst.“ Jörg nickte beschämt.
Meine Stimme überschlug sich. „Das war ein Test?“ Ich fasste es nicht, Axel wagte es, mit mir einen Test zu machen. Warum wollte er sehen, wie ich reagiere? Weil er etwas vorhatte? Wollte er sich trennen? War es das? Aber, Moment, was hatte ich die ganze Zeit gemacht? Ich setzte mich neben Axel. Er legte seinen Arm langsam und sanft um meine Schulter. Moment, wenn er sich trennen wollte, würde er sich nicht an mich schmiegen. Ich blickte entgeistert. „Was für ein Test?“ Ich wisperte Axel ins rechte Ohr. „Was wolltest du testen?“
Mit einem Mal hatte ich das Gefühl im vollen Sonnenlicht zu stehen. Seine braunen Augen strahlten mich an. Seine warme Hand lag auf der kühlen Haut meiner Schulter. Ein Gefühl von Geborgenheit erfasste mich. Sollte er es mir sagen? Ich fühlte es und es brauchte keine Worte. Mein Magen war leer und trotzdem fühlte er sich voll an. Satt und zufrieden. Wie ein Baby.

Kapitel 7: Leben im Jetzt
Jörg räusperte sich. „Axel, ich geh dann mal. Inge wartet draußen.“ Jörg stand auf und er klatschte sich kumpelhaft mit Axel ab. Mir war vorher nie aufgefallen, wie sehr die beiden miteinander befreundet waren. Ich war wohl blind. Ich hatte nichts mehr wahrgenommen, was andere Menschen taten und wie sie sich fühlten. Ich war viel zu sehr auf mich fokussiert, aber auch kein Wunder. Denn es stand viel auf dem Spiel, wenn ich es ihm sagen würde.
Jörg nickte mir zu. „Den Spiegel kann ich trotzdem streichen, Hannah.“ Dann zwinkerte er Axel zu und verschwand in der Menschenmenge, die den Ausgang so gut wie blockierte.
Axel zog mich näher an sich. „Hat dir Inge auch erzählt, dass sie und Jörg?“ Ich spielte nervös mit meiner Unterlippe. „Ja, hat sie.“ Er strahlte mich an, mit voller Wucht. „Und?“ Ich fühlte mich unwohl, aber nur leicht. „Und was?“ Er blinzelte kurz. „Findest du das nicht toll?“ Ich wich seinem Blick aus. „Ja, ich freue mich für die beiden. Sie sind ein schönes Paar.“ Er griff nach meinem Kinn und drehte meinen Kopf zu sich, so dass ich ihm voll in die Augen schauen musste. „So wie wir.“
Ich musste es ihm sagen, verdammt noch mal, Hannah, reiß dich zusammen. Aber er würde ja wieder so reagieren, wie bei dem Gespräch vorhin über das Zusammenziehen. Wenn ich es ihm sagen würde, würde ich ihn zwingen, würde ich doch, oder? Ich würde ihn zwingen, mit mir zusammenzuziehen. Er sollte es aber tun, weil er es wollte. Nicht, weil er musste. Weil er sich verpflichtet fühlen würde. Pflicht ist keine gute Basis. Das war sie bei meinen Eltern jedenfalls überhaupt nicht.
Axel strich mir über mein Gesicht, sanft. Es war ein schönes Gefühl. Ich mochte es total, so wie das Beobachten, wenn er schlief. Wie ein Baby.
„Du machst dir Gedanken, Hannah. Ich merke das.“ Seine Stirnfalten waren wieder da. Ich nickte langsam. Er nahm meine Hände, hielt sie fest mit seinen warmen Händen. „Hannah, bitte sag es mir, was dich bedrückt. Wenn es das Zusammenziehen ist, dann will ich dir sagen, dass…“
Mein Atem stockte. Was hatte er mir zu sagen. Ich fühlte mich nackt. „Du zitterst ja, Hannah.“
Na los, sag es schon, damit ich es hinter mir habe. Ich betete, dass er es schnell sagen würde.
Sein Blick war intensiver als sonst. Ich sah ein Aufblitzen in seinen Augen, wie eine Sternschnuppe, die in einer sternklaren Nacht am Himmel vorbeizieht. „Hannah, auch wenn du noch nicht so weit bist.“ Er hielt inne. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, da, wo der Kloß saß. Er drückte meine Hände fester. „Hannah, lass es uns tun.“
Ich fasste es nicht, er wollte mit mir zusammenziehen. Nach drei Jahren Bangen und Hoffen und Warten.
Doch, was tat Axel jetzt? Er ließ meine Hände los und fingerte in der Hosentasche seiner Jeans. Er holte so einen kleinen weißen Briefumschlag heraus. Was hatte er vor?
Er legte den kleinen Briefumschlag vor uns auf den Tisch. „Hannah, bestimmt weißt du, was ich will?“
Ich musste gestehen, ich hatte keine Ahnung. Was tat er nun? Er rutschte von seinem Stuhl, sank auf die Knie, nahm den kleinen Brief. „Hannah, willst du…?“ Der Rest mit dem „Mich heiraten“ hallte durch mein Gefühlszentrum im Gehirn vor und zurück und fuhr Achterbahn.
Er erhob sich, steckte einen kleinen, silbernen Ring an meinen Finger. Mein Magen fühlte sich superleicht an. Ich, Hannah würde heiraten? Ich hüpfte hoch, umarmte ihn und knutschte ihn wild ab. Ein Gejohle in der „Brezel“ war die Antwort. Manche Gäste applaudierten.
Ich war berauscht. Jetzt würde ich es Axel sagen. Und nicht nur ihm, sondern gleich der ganzen Welt. Ich hob die Arme und schrie. „Ich bin schwanger.“ Das Geklatsche hörte nicht auf. Axel nahm mich an der Hand und flüsterte mir ins Ohr. „Das ist perfekt.“ Ich weinte, hemmungslos. Vor Glück. Und alle sollten es wissen.

Das Timing passte. Genau jetzt. Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort mit dem richtigen Mann. Axel hatte sich nicht getraut, mir vor der Aufführung zu sagen, dass er mehr wollte. Und ich hatte mich nicht getraut, ihm zu beichten, dass ich schwanger bin. Wir sind uns ganz schön ähnlich. Wir hatten uns beide nicht getraut, zur gleichen Zeit. Aber jetzt hatten wir uns beide getraut. Wir gehen ein Risiko ein. Und einer muss immer den ersten Schritt ins Glück wagen. Mutig sein im Jetzt. Das ist Glück und nichts anderes.

Mittwoch, 16. Mai 2012

Grabrede

Wenn ich an meinen Vater denke, denke ich an einen Clown. Einen traurigen Clown, zuletzt. Aber er war mal ein lustiger Clown. Und davon möchte ich erzählen.

Er war ein Geschichtenerzähler, ohne es zu wissen. Ich denke an drei große Geschichten.

Die erste Geschichte begann mit seiner Geburt. Die Hebamme nahm eine Zange, um den kleinen, widerborstigen Jungen dem Leib seiner Mutter zu entreißen. Dabei verformte sich sein Kopf derart, dass er einem Osterei glich. Aber das war ja halb so wild, mit viel fränkischem Gefühl für Humor knetete man den leicht knetbaren Schädel in die übliche runde Form. Die Hebamme sagte: „Das ist ein Alfred.“ Und so nannte meine Oma ihn Alfred. Den Berater der Elfen - und der Geschichtenerzähler.

Die zweite Geschichte rankt sich um einen mysteriösen Postkasten. Ein Brotmesser lag stets in der Küche meiner Oma bereit, um die frische Beule, die sich Alfred beim Um-die-Ecke-rennen-und-an-den-Postkasten-Knallen öfters holte. Meine Oma drückte die Beule einfach rein. Ich muss sagen, dass nicht jeder so einen elastischen Schädel hat. Ein fränkisches Phänomen.

Die dritte Geschichte handelt von seinem Onkel Gottlieb Meyer, der seit seiner Kriegsverletzung im Rollstuhl saß und fortan nur noch dichtete. Er dichtete natürlich auf fränkisch. Mein Vater zeigte mir stolz ein Gedicht, das er nur für seinen Neffen Alfred geschrieben hatte.

Was mochte mein Vater außer Geschichten erzählen? Mein Vater liebte Bärendreck. Nein, das ist nichts Schlimmes. Es ist Lakritz. Wenn er gute Laune hatte, gönnte er sich Bärendreck.

Und er mochte Musik. Unglaublich. Prince. Ja, ich erinnere mich an einen Montagmorgen in der Küche, an dem er das Radio lauter drehte, und zu „Kiss“ von Prince tanzte, um meine Mutter zu amüsieren. Das war in den 80ern.

Als seine Mutter 1987 im Sterben lag, sollte ich Weihwasser holen und es in einer kleinen Plastik-Madonna mit einer blauen Krone als Schraubverschluss nach Nürnberg fahren. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Erstens, weil ich nicht in eine katholische Kirche wollte und zweitens, weil sie einfach schneller starb. Mein letzter Besuch bei meiner Oma lag erst einen Monat zurück. Sie war bettlägerig und sie erzählte mir etwas von einem Flieger, den ich einmal kennenlernen würde. Und sie sagte mir, dass sie einen Strauß rote Rosen halten möchte, wenn sie beerdigt werden würde.
Erst heute weiß ich, dass meine hellsichtige Oma Recht hatte. Denn ich trage wirklich den Namen eines bekannten Flugzeugherstellers aus dem Zweiten Weltkrieges. Ein Kollege machte mich auf die Namensähnlichkeit aufmerksam, da war ich bereits verheiratet. Und ihren Leitspruch im Flur ihrer Wohnung weiß ich immer noch. „Wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Das ist ihr Vermächtnis. Und es ist wahr.

Was ist das Vermächtnis meines Vaters?
Er erzählte mir von einem unterirdischen See, der sich direkt unter unserem Haus befinden würde. Er erzählte von seinem Fund beim Salatpflanzen: Eine Keramik, die aussieht wie der Keltenfürst vom Glauberg, so ein Typ mit einer Krone wie Micky-Maus-Ohren. Er erzählte mir, dass er zusammen mit dem Bauleiter 1974 beim Ausheben der Baugrube ein römisches Schild und ein Schwert gefunden hätte. Man hätte es im Fundament einbetoniert. Und so liegt es da heute noch. Die wahren Schätze liegen aber in uns, in unserer Fantasie.

Und wer sagt denn, dass man manche Geschehen nicht umformulieren kann?
Sein großes Vermächtnis ist es, mich so erzogen zu haben wie ich bin und mir die Geschichten erzählt zu haben, die er zu erzählen hatte. Und ich werde sie weitergeben, wenn auch in anderer Form. Und nur so lebt man weiter, indem man Geschichten erzählt. Von Generation zu Generation.

Ob diese Grabrede wahr ist, bleibt dem Leser überlassen.

Sonntag, 29. April 2012

Chaos, Entropie und zwei neue Archetypen

Das Internet ist eine virtuelle Welt, in der immer mehr Informationen abgespeichert werden und auf ewig archiviert sind. Einmal im Internet einen kleinen Eintrag gemacht und Superspürhund Google findet den Eintrag garantiert, auch wenn er bereits seit Jahren gelöscht ist. Es ist schon unheimlich, oder?

Erreichen wir irgendwann ein Maximum an Informationen, sprich maximale Unordnung und dann macht es Puff? Kommt dann das Zeitalter der totalen Exformation? Kommt dann das Zeitalter des Weglassens oder stehen wir dann wirklich vor dem befürchteten Nichts? Ich rufe verzweifelt eines Tages: „He, Schatz, ich stehe vor dem Nichts und es befindet sich auf meinem Monitor.“ Schlurf, schlurf, Schatz kommt. Antwort vom Schatz:„Und? Ist doch nichts Neues. Mach mal einen Kaltstart, Schnucki.“

Ich stelle mir vor, was wäre, wenn sich hinter dieser zuckerwatteartigen Wahrscheinlichkeitswolke im Internet eine Putzfrau versteckt und momentan tierisch angenervt, wenn nicht sogar höllisch frustriert. Übrigens, sie sieht wie ein französisches Zimmermädchen aus. Ja, das ist die Idee von meinem Mann synonym Schatz.


Also, nun die Details: Das Zimmermädchen heißt Florence. Ihre schwarzen, langen Haare hat sie nach oben gesteckt, eine einzige Franse fällt ihr ins Gesicht. Nervös zupft sie an ihrer schwarzen Schürze, die von weißer Spitze raffiniert umrahmt ist. Während sie ein verführerisches „Ohlala“ haucht, malt sie elegante Kreise in die virtuelle Luft im Internet. Schatz findet Florence toll, aber nun kommt die Ernüchterung. Diese Geste sieht man sie in letzter Zeit nicht mehr so oft machen. Vorbei mit der Gemütlichkeit, kaum noch Pausen, immer mehr Arbeit. Immer mehr Informationen und damit Unordnung in Massen. Sie schwingt nun den ganzen Tag den Staubwedel aus Straußenfedern. Das „Ohlala“ kommt ihr auch nicht mehr über die Lippen. Und egal, was sie aufräumt, es wird noch chaotischer. Es ist zum Verzweifeln, quasi zum Straußenfederausrupfen. Neulich ist ihr sogar eine zweite Strähne ins Gesicht gefallen. Ein Zeichen, dass es ihr eindeutig zuviel wird. Ihr unruhiger Blick verrät burn-out. Es gibt immer mehr Netzwerke, immer mehr Einträge. Für Florence gibt es keine Gewerkschaft und sie schreit unhörbar für alle User des Internets: „Wann macht ihr endlich mal Pause?“ Aber die User können keine Pause machen, denn sie müssen weiter netzwerken. Und wenn sie mal ein kleines Päuschen einschieben, dann nur um Kaffee zu holen oder in transformierter Form wegzubringen.


Können wir ahnen, wie gefährlich diese eine frustrierte, aber mit äußerst starkem Deo ausgestattete Putzfrau sein kann? Diese eine Putzfrau hat den Superwedel, mit dem sie alles wegwischen kann, was jemals geschrieben und kommuniziert worden ist. Ich würde sagen: Ärgere niemals Florence. Non, non. Aber diese Putzfrau wird ständig geärgert. Und sie ist, so hat sie es mir erzählt, unbezahlt. Keiner gibt ihr den Lohn, den sie verdient. Was, wenn sie sich ihren Lohn abholen will?


Florence ist somit der erste Archetyp in der Informationswelt des Internets, den ich Ihnen vorstellen möchte. Sie ist von immenser Bedeutung, wenn es um die Zukunft unseres Internet-Universums geht. Und sie ist nicht allein. An ihrer Seite steht der zweite Internet-Archetyp. Paul Weskamp, der nette Postbote, aber nicht der von nebenan, sondern der, der überall E-Mails und Nachrichten aller Art zustellt. Rund um die Uhr. Er hat Ränder unter den Augen, der arme Kerl, die Ringe sind genau so blau wie seine Dienstkleidung. Nun der romantische Teil der Story: Die beiden haben sich bei der Arbeit – so wie über 50 Prozent aller Pärchen in der realen Welt – getroffen. Da in der Unordnung mehr Überraschungen liegen, haben sie sich kennengelernt, als Florence die tausendste E-Mail von Peter Müller mit nur einem Wisch zur Seite fegte und dabei aus Versehen den Internet-Postboten Paul leicht touchierte. „Ohlala“, meinte sie, als sie einen ultimativen Knackarsch erblickte statt des erwarteten Mail-Mülls. Der Rest ist schnell erklärt. Gemeinsame Datenbanken und dann innerhalb weniger Wochen die Geburt von facebook. Süß war der kleine Liebling von Anfang an. Sein strahlendes Lächeln animiert uns tagtäglich, neue FreundInnen zu netzwerken. Hier ein Kontakt und noch einer. Ach, und der? Kenne ich nicht, aber sieht nett aus. Okay. Okay. Und nochmal okay. Jetzt habe ich ein Netzwerk von 155 FreundInnen auf der ganzen Welt.


Oh, Schatz bringt mir gerade Kaffee. Ist doch nett von ihm, oder? „Schnucki, hör mal, ich will jetzt auch mal wieder an den Computer.“, grunzt er. Schatz übertreibt es wirklich mal wieder. Er hat schon 231 FreundInnen. Ich muss doch mithalten. Okay, ich rücke zur Seite. Seite an Seite networken wir.


Facebook ist wirklich voll süß und wird von Tag zu Tag süßer. Ein richtiger Wonneproppen, sehr zur Freude von Paul und Florence. Sie sind stolze Internet-Eltern. Und seit einiger Zeit hat Facebook ein Schwesterchen bekommen. Twitter heißt sie. Sie ist rein oberflächlich betrachtet ihrem Bruder schon ähnlich, aber ihre "logische Tiefe" ist anders. Die Informationen sind gezielter. Man nimmt am Leben anderer teil. Je nach Lebensrhythmus des Zwitschernden erfährt man, wo sich gerade Mausi Müller befindet und ein nächstes Mal, dass sie nun wirklich mit ihrem Ex-Freund zum zwölften Mal Schluss gemacht hat. Wir erfahren es, bevor es ihr On-und-Off-Freund erfährt. Twitter ist wirklich emotionaler. Aber wer hat nun mehr logische Tiefe? Bei facebook kann ich nicht erkennen, welche Kontakte aussortiert worden sind, während die Kontakte gesucht wurden. Bei twitter kann ich auch nicht sehen, welche Infos aussortiert worden sind, als die Info geschrieben wurde und diese Info ist auf 140 Zeichen begrenzt. Ohne Aussortieren läuft da nichts. Twitter müsste mehr logische Tiefe besitzen. Twitter lächelt uns jetzt stolz an. Komplimente mag sie.



Paul fragt sich schon lange, welche seiner beiden Zöglinge effektiver ist. Oder ist er, der Ur-Postbote schlechthin, effektiver? Was führt mehr zu Veränderungen im Verhalten des E-Mail-Empfängers? Oder kann man bei Briefen mehr Veränderung als bei E-Mails feststellen? Florence seufzt aus tiefstem Herzen. Paul soll nicht soviel grübeln, sondern lieber daran denken, auch mal den blauen Teppichboden im Arbeitszimmer zu staubsaugen. Florence ist neuerdings für Arbeitsteilung. Gleichberechtigung ist eine gute Sache und außerdem sitzt Florence am längeren Staubhebel, ähem ...wedel. Sie weiß, wie man Männer dazu bringt, auch das zu tun, was Frauen wollen.



Schatz neben mir bewegt seinen Kopf heftig hoch und runter. „Dir würde so ein Zimmermädchendress mit schwarzen Strümpfen auch sehr gut stehen.“ Typisch, Schatz, denkt mal wieder nur ans Vergnügen. Ich seufze. „Ich muss doch diesen Essay für den blog schreiben.“, erwidere ich und mit einem sanften Zur-Seite-Stoß meines Hinterns erinnere ich ihn an die Realität. „Schatz, hol noch einen Kaffee.“ Schlurf, schlurf. Super, jetzt kann ich für ein paar Minuten in Ruhe weiterschreiben.



Also, Florence, die Internet-Putzfee ist sehr feministisch trotz ihrer erotischen Arbeitskleidung. Und sie macht sich ernste Sorgen um die User, denn die virtuelle Kommunikation ist erwiesenermaßen schlecht für die Gehirndurchblutung. Wenn man sich wirklich mit jemanden unterhält, rauscht mehr Blut durch die Birne, als wenn wir uns E-Mails schreiben. Es muss dringend darüber nachgedacht werden, mehr Gehirnregionen anzuregen.
Apropos, anregen. Schlurf, schlurf. Schatz ist zurück. „Hab’ den Kaffee. Rutsch mal, Schnucki.“ Plumps. Schatz grinst. „Mehr Durchblutung ist super.“



Zurück zu den Gehirnregionen. Auch der Internet-Postbote Paul ist wieder unterwegs. Heute hatte er statt in der 10 in der 12 die E-Mail abgegeben. Diese kleine Verwechslung hat zu leichter Verwirrung, aber auch zu post-postaler Erheiterung geführt. Ah, sieh mal an, da wurden neue Gehirnregionen mehr durchblutet. Florence lächelt. Humor scheint gut für die User in der virtuellen Welt zu sein, auch wenn sie die durch Verwechslung erzeugte Unordnung staubwedeln muss.
Schatz tätschelt mir am Hintern. „He, lass das. Ich muss mich konzentrieren.“, sage ich ihm. Schatz grinst zweideutig. „Schnucki, die echte Welt ist immer noch besser als die virtuelle.“ Ich überlege. Stimmt, die menschlichen Sinne sind mit viel mehr Informationen gespickt. Sie senden mehr als 11 Millionen Bits pro Sekunde aus, davon erlebt das Bewusstsein nur gut 40 Bit pro Sekunde. Und wie sieht es mit dem Internet aus? Ich beäuge den lüstern in sich guffelnden Schatz. „Deine Bandbreite kenne ich.“, sage ich zu ihm. „Hört sich geil an, Schnucki.“ Ich winke ab. „Könntest Du die gelben Säcke rausbringen?“ Widerwillig erhebt er sich. Schlurf, schlurf. Ich weiß es, dass ich diesen Essay noch heute schaffe. Ich muss mich nur ranhalten.


Okay, zurück zum weniger, ich glaube es jedenfalls, lüsternen Internet-Postboten. Er träumt von automatisch erzeugten E-Mails, dann hätte er mehr Urlaub. Und er könnte sich mehr um seine vernachlässigte Frau und seine Kinder kümmern. Das Familienleben will gepflegt sein, vor allem in Zeiten des Internet. Er möchte mit seiner Florence mal so ganz ohne viel nachzudenken, in den fraktalen Gärten des Internets lustwandeln, zwischen Mandelbrotbäumen, fraktalen Blumenkohlköpfen und Pythagorasbäumen. Gedacht, getan. Irgendwo in diesem Internet-Universum gab es einen Programmierer, der ihm so ein kleines Programm gebastelt hat. Paul lässt sich vollkommen relaxt auf der Wiese von wikipedia nieder. Es scheint ein ruhiger Ort des Wissens zu sein. Facebook und twitter können solange Ballspielen, wie sich Paul und Florence eine Ruhepause gönnen. Aber mit einmal ist ein Geräusch, donnernd und grollend, zu spüren und zu hören. Es ist, als würde der sensible, virtuelle Boden des Internets beben. Florence steht auf. Paul bleibt enspannt auf der Isomatte liegen. Florence holt ihr Fernglas heraus. Sie kann nichts am Horizont entdecken. Das Beben wird stärker. Nun ruckelt das virtuelle Bild bei wikipedia. Was geht hier vor sich? Florence blickt beunruhigt nach unten. Da, direkt unter Paul. Es ist dunkelbraun und so groß wie ein Auto. Und es wird länger. Florence schnuppert. Twitter und facebook kommen vom Ballspielen zurück. Twitter zeigt auf die Schuhsohle des linken Schuhs. Es ist wohl eindeutig. Es riecht nach Hundehäufchen.


Schlurf, schlurf. Er ist schneller, als ich dachte. Schatz blickt mich von der Seite an. „Das willst du wirklich schreiben?“ Ich nicke entschlossen. „Wenn es doch so ist...“ Schatz kaut an einer meiner selbstgebackenen Dinkelwaffeln. „Dinkel soll bekanntlich gut sein, vor allem für die Verdau...“


Paul steht nun auf. Die Erde schwankt unter ihnen, weil das große dunkelbraune Ding sich langsam und rüttelnd fortbewegt. Paul schluckt. „Ist es das, wofür ich es halte?“ Florence nickt wissend. „Das ist eine Mega-Verstopfung. Anscheinend haben sich zuviele Daten, die nicht durch den Kanal schlüpfen wollten, angestaut.“ Paul kratzt sich am Dreitagebart. „Wir brauchen so einen Roboter, der den Kanal freiräumt.“ Die Seite von wikipedia flimmert. Nun sind auch facebook und twitter beunruhigt. Es muss eine Lösung her und zwar schnell. Paul geht unruhig auf und ab. Florence fuchtelt nervös mit ihrem Staubwedel über der Verstopfung. Es hilft nichts. Zuviel Redundanz, da hilft der Wedel nicht.


Paul hat eine Idee. In das Suchfeld tippt er „Hilfe“. Ein Pop-up-Fenster öffnet sich. Mist! Schon wieder Werbung. Florence wedelt es schnell weg. Die Verstopfung wird stärker. Twitter zupft Florence an ihrer Schürze. „Wir brauchen eine Idee. Etwas Neues.“ Florence legt die Stirn in Falten.


Schatz legt auch die Stirn in Falten. „Findest du das nicht ein bisschen eklig?“ Ich atme tief durch. „Kennst du ein besseres Bild für zuviel Daten im Internet?“ Schatz beisst herzhaft in die Waffel. „Weift du, ich effe gerade.“ Ich starre auf den Monitor. „Beeil dich, ich muss jetzt das Ende schreiben.“ Schatz hebt die Kaffeetasse und spült den letzten Rest Waffel hinunter. Er hebt die rechte Hand für sein Okay.


Florence überlegt immer noch. Facebook flüstert ihr ins Ohr:„Ich weiß sehr viel.“ Florence schüttelt den Kopf. „Nein, das können wir nicht machen. Mir muss was anderes einfallen.“ Sie massiert ihre Schläfen. Plötzlich hebt sie den Finger hoch. „Ich hab’s. Ja, das ist es.“ Paul vibriert so stark, dass seine Umrisse auf dem Monitor nicht mehr erkennbar sind. „Beeil dich, Florence.“ Florence flüstert Paul ihre Idee ins Ohr. Er nickt eifrig, schreibt das Gesagte in eine E-Mail, die er dem gleichen Programmierer schickt, der ihm einst zu Urlaub verholfen hat. Und sie warten. Endlich, die Antwort der E-Mail kommt zurück. Ja, er hat zugesagt.


Twitter und facebook haben einen Adoptivbruder als Attachment bekommen. Er heißt „Garage sale“ und ist fortan der Flohmarkt für second-hand-Daten. Ein reger Handel setzt augenblicklich ein. Die Verstopfung löst sich Schritt für Schritt. Daten verkaufen sich, selbst solche, die redundant sind. Es wird gefeilscht, keiner der User will zuviel zahlen. Eine Super-Idee. Woher hatte Florence nur diese geniale Idee? Paul weiß es. Denn ein dritter Internet-Archetyp sorgt immer wieder für unvorhergesehene Ereignisse in unserem Internet-Universum. Darf ich vorstellen? Er hat eine Perücke mit roten Locken, eine rote Nase, ein rot-weiß-geringeltes T-Shirt, schwarz-rot-karierte Hosen mit schwarzen Hosenträgern und riesige Schuhe. Es ist der Clown. Es gibt immer einen Markt für Neues. Vor allem dann, wenn man vorher das Problem schafft, damit die Lösung parat liegen kann, so rein zufällig. Twitter setzt sich beim Clown auf die Schulter. Sie zwitschert in sein Ohr und wagt einen Blick hinein. Sie kann seine Gedanken lesen. Der Clown selbst hatte die Verstopfung verursacht. Er hatte ganz viele wikipedia-Einträge geschrieben, nur so zum Spaß. Er reibt sich die Hände. „Garage sale“ ist der Verkaufsschlager. Jeder ist froh, seine überflüssigen Daten auf dem virtuellen Flohmarktstand anzubieten. Ah, dieses befreiende Gefühl, die Daten wie Kamelle vom Internet-Umzugswagen zu werfen. Helau, und weg damit. Cool.
Paul hatte sich einen weiteren Plan zurechtgelegt, falls es nicht geklappt hätte. Er hätte ganz einfach in die Trickkiste gegriffen und die Mega-Wurst in das Nachbar-Internet vom Nachbaruniversum gelenkt. Aber was, wenn deren Postbote ein „Zurück zum Absender“ draufgeschrieben hätte und zwar in dem Moment höchster Entropie, dann wenn nämlich alle User gleichzeitig sich im Internet aufhalten, und der andere Postbote mit unschuldigem Hundeblick gesagt hätte, dass er nicht in der 14, sondern in der 12 lebt? Und dann hätte es Puff! gemacht. Aber zum Glück war es ja anders gekommen.
Der Clown lächelt. Falls hier nichts mehr gehen würde, würde er weiterziehen. Einfach ins nächste Internet-Universum.
Florence fragt Paul, ob er wohl denke, dass diese virtuelle sozialen Netzwerke zu mehr Vereinzelung oder zu mehr Gemeinschaft führen würden. Zuerst bekommt sie ein kritisches Augenbrauenanheben als Antwort, dann sagt er:„In Wirklichkeit ist alles nur ein Spiel. Homo ludens. Der Mensch spielt gerne. Und dieses Rumgeklicke ist ein Spiel.“ Florence beginnt zu verstehen. Facebook und twitter spielen immer noch auf der wikipedia-Wiese Ball. Sie hören gar nicht zu, was ihr virtueller Vater sagt. Ist es vielleicht besser so?


Schatz schlürft geräuschvoll an seinem kalten Kaffee. Er wirft mir geheimnisvolle Blicke zu. Ich weiß, ich soll jetzt endlich aufhören mit der Schreiberei. Und ich soll endlich so aussehen wie Florence. Schatz sitzt im beigefarbenen Korbflechtstuhl, er trägt immer noch seine Dienstkleidung, d.h. eine dunkelblaue Cargohose mit postgelb-dunkelblauem Poloshirt. Ein Hörnchen ziert den Rücken des Polo-Shirts. Er überfliegt meinen Essay und kommentiert ihn mit einem süffisantem Lächeln. „Schnucki, das ist wie beim Sex, da muss ich auch nicht alles verstehen."


Ich glaube, ich habe es mir nicht eingebildet. Haben Sie es nicht auch gehört? Ich habe gehört, wie Florence laut aufstöhnte. Sie ruft mir deutlich zu:“Das nächste Universum, bitte!“ Dieses ist ihr wohl zu anstrengend.

Typisch-Mann-typisch-Frau-Dialog

Sie: "Ähem, ich weiß nicht, wie es dir sagen soll. Also, Sache ist so. Ich bin schwanger."
Er(hebt die Augenbrauen): "Aha."
Sie: "Ich weiß, dass du es für dich merkwürdig klingen könnte."
Er: "Ich weiß nicht, wie es passieren konnte, weil..."
Sie (unterbricht ihn): "Ja, ich weiß. Es ist halt kompliziert."
Er: "Ich meine, wir haben doch gar nicht so richtig und..."
Sie (errötet): "Ja, da war dieser Traum."
Er: "Träumst du von einem anderen? Doch nicht etwa von...?"
Sie: "Eine Botschaft habe ich erhalten."
Er: "Ach, dann weißt du, wer der Vater ist?"

Sie: "Es ist krass, echt."
Er: "Ich bin gefasst, sag es einfach."
Sie: "Das Kind ist von Gott, Josef."
Er: "Heilige Maria."

Möglicher Dialog vor 2012 Jahren zwischen Maria und Josef

Mittwoch, 25. April 2012

Burn-out bei den Elfen?

Ein Fluch kann viele Gesichter haben, seufzt Oma Avia. Sie hätte jemand verflucht und deswegen sei sie so krank. Ich denke sofort ans Mittelalter. Übers dunkle Mittelalter haben wir uns gestern im Geschichtsunterricht in der Waldschule unterhalten. Die Hexenverfolgung fasziniert mich und stößt mich ab. Aber wer sollte meine Oma verflucht haben?

Das Moos rankte sich um die Wurzeln der Eiche und verströmte einen modrigen Geruch, der bis in die Nasennebenhöhlen des Mädchens kroch. Mit der rechten Hand schob das Mädchen das alte, welke Laub an die Seite und erstarrte, als es das fand, was es erwartet hatte.

Fiona ist ein schöner Name, sagt meine Oma und streichelt mein weiches, brünettes Haar. Ich schlürfe meinen Thymian-Tee und der Duft beruhigt meinen Hustenreiz, der seit Wochen in meinem Hals sitzt.

Das Schwert war überwältigend schön. Ein Meisterwerk der Schmiedekunst. Auf dem vergoldeten Griff rankten sich Schlangen. Es waren genau sieben Schlangen, so wie es in dem Buch stand, das das Mädchen auf dem Dachboden gefunden hatte. Würde es mit diesem Schwert König Arbor wirklich besiegen können? Sein rechter Arm zitterte, als es das Schwert emporhob und mit seiner Spitze auf den Vollmond zeigte.

Ich drehe meinen Kopf zu meiner Oma. "Oma Avia, wie kannst Du dir sicher sein, dass es ein Fluch ist? Vielleicht brauchst Du nur ein Heilkraut?" Sie neigt ihren Kopf, ihre hellgrünen Augen leuchten. Sie hebt ihren Rock und zeigt auf blutunterlaufene Flecken auf ihren Oberschenkeln. "Das ist eindeutig ein Fluch." Ich gebe nicht auf. "Was macht Dich so sicher, Oma Avia?"

Das Mädchen hatte sich gut vorbereitet. Der Gürtel aus dunkelbraunem Leder saß straff auf seinem dunkelgrünen Leinenkleid. Es steckte das Schwert in die Halterung. Es passte haargenau. Sein Schicksal war es, König Arbor entgegenzutreten und ihn in seine Schranken zu verweisen. Das Elfenvolk hatte lange genug gelitten. Das Mädchen hatte beide Eltern im Krieg verloren. Es war entschlossen, alles zu geben, denn König Arbor hatte seinen Bruder gefangen genommen.

Oma öffnet die Tür zur Speisekammer. Es riecht nach Biskuitkuchen, meinem Lieblingskuchen. Und es riecht nach frischen Erdbeeren. Doch statt des Kuchens hält sie ein Schwert in der Hand, ein Schwert, wie ich es noch nie gesehen habe. Ich habe von der Sage gehört, die mir meine Eltern immer wieder erzählt haben. Die Sage von dem Mädchen, das beide Eltern verloren hatte und gegen den schrecklichen König Arbor gekämpft und seinen Bruder befreit hatte. Oma stellt den rechten Fuß nach vorn, hebt den rechten Arm mit dem Schwert empor. "Weißt Du, was Misstrauen ist, Fiona?" Ich schüttele meinen Kopf.
Oma zeigt mit dem Schwert Richtung Tür. "Weißt Du, wer König Arbor war?" Ich hauche die Worte: "Ein böser Mensch." Sie streckt ihr Kinn nach vorne. "Weißt Du, warum er so böse war?" Ich zucke mit den Schultern. Oma stößt die Worte aus, als würden sie ihren Hals verätzen. "Arbor konnte keinem trauen. Er misstraute sogar seiner Frau und seinen eigenen Kindern." Ich räuspere mich. "Oma, das ist ein Fluch, oder?" Sie hält inne, lange. Es ist so, als wäre sie erstarrt. Ich rufe immer wieder "Oma!" Sie blickt in die Ferne. Sie wiederholt immer wieder die Worte: "Misstrauen ist ansteckend, Misstrauen ist ansteckend, Misstrauen ist ansteckend." Meine Schritte sind leicht, meine Füße setzen sanft auf dem erdigen Fußboden auf. Ihre Wangen glühen, als ich sie sanft berühre. "Was fehlt dir, Oma Avia?" Sie erschrickt. "Fiona, ich weiß nun, was die Flecken auf meiner Haut bedeuten."

Dienstag, 24. April 2012

Die Minne

Hauchdünner Pulverschnee ist heute Nacht gefallen und die hochgewachsenen Sträucher am Ufer des Flusses sind sanft mit Schnee verhüllt. Eine warme, weiße Wolke verlässt meine Lunge. Sie hat wenig Bestand, der eisige Wind verwirbelt sie ohne Gnade sofort. Unter meinem linken Brustwirbel fühle ich wieder diesen stechenden Schmerz. Ich bleibe stehen und meine Blicke gleiten die siebenbogige Brücke aus rotem Sandstein empor. Jeder einzelne Stein hat seine individuelle Farbe und Aufgabe. Würde nur einer an den wichtigen Stellen fehlen, würde die Brücke in sich zusammenbrechen. Sie ist ein Meisterwerk und verbindet beide Ufer.

Tagebucheintrag vom 22. Dezember 2000 Ich will ein warmes Zimmer haben, doch ich weiß nicht wie. Beim abendlichen illegalen Lagerfeuer meinte Robert, dass er Glück haben werde. Sein rechter kleiner Zeh hätte gejuckt und das wäre ein unmissverständliches Zeichen. Ich entgegnete ihm, das könnte ein Hühnerauge sein. Das wäre kein Wunder bei dem Schuhwerk. Robert bekam einen roten Kopf vor lauter Zorn. Er schrie mich an, dass dies ein Zeichen von oben wäre und dass sich was sehr Wichtiges ereignen werde.

Ich steige die Steintreppenstufen an dem kleinen Fachwerkhäuschen neben der Kirche hinauf. Ich hole den Schlüssel, den ich in der Manteltasche in der Hand umklammert halte, heraus. Als ich aufschließen will, stelle ich erstaunt fest, dass die Tür bereits offen ist. Ich scheine wohl vergessen zu haben, abzuschließen. Wohlige Wärme empfängt mich und der Duft von Kaffee, den ich vor dem Spaziergang aufgebrüht hatte, verfeinert die Luft im Flur. Aber ein Papier-Rascheln lässt mich aufhorchen. Ob die Mausefalle versagt hat, die ich erst letzte Woche aufgestellt hatte?

Tagebucheintrag vom 23. Dezember 2000 Ich hasse diese Nager. Sie leben im Dreck und in der Kälte. Und sie haben diese spitzen Zähnchen, mit denen sie mein Essen anknabbern. Die Vorstellung, dass Mäuse in meinen Schlafsack schlüpfen könnten, ließ mich letzte Nacht unruhig schlafen. Robert weckte mich heute Morgen. Er strahlte mich an. Er packte mich an der linken Schulter und meinte, ich solle sofort aufstehen. Er kritzelte irgendwas auf ein Stück alte Zeitung, dann eröffnete er mir seinen Plan. Er will die Kollekte vom Heiligabend klauen. Ich sagte ihm, dass solche Leute in die Hölle kommen könnten. Er winkte ab. In dem Klingelbeutel letztes Jahr, den sein Kumpel Johann geklaut hätte, wären Hunderte von Euros gewesen. Robert kniff die Augenbrauen zusammen und meinte, dass ich doch auch etwas wollte. Ja, ein warmes Zimmer. Er nickte. Dafür brauchst du Geld, sagte er.

Summend hänge ich meinen schwarzen Wollmantel an dem Garderobenhaken auf, schnüre meine Winterstiefel aus schwarzem Leder auf und klopfe einen hauchzarten Schneeüberzug von meinen Absätzen ab, indem ich die Stiefel schwungvoll gegen-einander knallen lasse. Der Garderobenspiegel zeigt mir einen 40jährigen Mann mit schwarzen Haaren, dezenten grauen Schläfen, einem weißen Hemd und eine schwarze, elegante Hose. Passend dazu, schwarze Filzpantoffel. Ich habe schöne warme Füße.

1.Tagebucheintrag vom 24. Dezember 2000 Ich hatte Füße wie Eisklumpen, ich spürte kaum meine Zehen. Ich wollte nur eins, in die Wärme. Aber ich stand am Eingang der Kirchentür aus schwerem Eichenholz Wache. Robert zwinkerte mir zu. Er hatte es gut, er ging in die Kirche, ins Warme. Ich hatte Zweifel, wer ich bin. Meinte es Robert wirklich gut mit mir?

Als ich die Küche betrete, schnellen meine Augenbrauen blitzschnell hoch. Da sitzt jemand auf der mit Plüsch überzogenen Küchenbank. Ich lockere den Hemdkragen. Ich merke, wie mein Blut in meinen Kopf zu strömen beginnt, unkontrolliert. Mich umflutet Hitze. „Was willst Du hier?“, bricht es aus mir heraus. Unbeeindruckt von meinem Wutausbruch schlürft Robert an einer Tasse lauwarmen Kaffees. Robert wirkt kleiner als früher. Er hat etwas Koboldartiges an sich. Und so springt er auf und stürmt auf mich zu.

2.Tagebucheintrag vom 24. Dezember 2000 Robert eilte mit dem Klingelbeutel an mir vorbei und rief mir zu, dass ich rennen sollte. Ich stolperte, weil eine Steinplatte lose war. Robert rannte weg.

Robert knetet meine Lachfalten und blickt mich maßlos enttäuscht an. „Du freust Dich ja gar nicht.“

3.Tagebucheintrag vom 24. Dezember 2000 Der Pfarrer hielt mich fest. Ich fühlte mich hundeelend. Er sagte, wer den Armen das Geld nimmt, muss bestraft werden. Ein herbeigerufener Polizist führte mich ab. Ich legte ein Geständnis mit sämtlichen Einbrüchen ab. Ich kam in U-Haft. Jetzt hatte ich mein warmes Zimmer. Aber ich war stinksauer auf Robert, der mich im Stich gelassen hatte.

Roberts graue Locken umrahmen sein breitgrinsendes Gesicht. Ich habee es vergessen - Robert hat grüne Augen. Grün wie die Hoffnung. Ein sarkastischer Lacher verlässt unvermutet meinen Mund. Robert erwidert mein Lachen. „So gefällst Du mir schon besser, Daniel.“ Ich verstecke meine Hände in den Hosentaschen, um nicht zu zeigen, dass sie geballt sind. Ich schaue Robert direkt in die Augen. „Brauchst Du Geld?“

Tagebucheintrag vom 24. Juni 2001 Ich hatte Besuch vom Pfarrer, von dem, den Robert und ich beklaut hatten. Wir unterhielten uns über Geld. Und über das, was ich will und wer ich bin. Ich fühlte mich nach diesem Gespräch innerlich zerrissen. Um mich abzulenken, ging ich in die Gefängnisbücherei. Auf einem der Tische lag aufgeschlagen ein Buch über die Minnelieder im Mittelalter. Ich nahm es mit und las es in einem Zug durch. Es schilderte die Liebesgeschichte von Abaelardus und Heloise. Ich erfuhr, wie sie zueinander fanden, wie er sich nach ihrer Hochzeit entmannen ließ, ins Kloster eintrat und wie das Herz von Heloise unendlich gebrochen war. Und ich las, wie Heloise Äbtissin wurde. Das ist die traurigste Liebesgeschichte, die ich je gelesen hatte.

Robert lässt seinen Blick anerkennend an mir auf- und abschweifen. „Na, Daniel, Du hast wohl das Lager gewechselt?“ Ich schweige. Robert macht auf seinem Absatz kehrt und hüpft förmlich zu dem roten Rucksack, der mit einer schwarzen, öligen Substanz verschmiert ist. Er steckt eine Hand in den Rucksack. „Daniel, Du wirst es nicht glauben.“

1.Tagebucheintrag vom 24. Dezember 2001 Der Glauben beschäftigte mich tagein, tagaus. Ich will anderen helfen. Und das kann ich nur, wenn ich darüber nachdenke, wer ich wirklich bin. Mein Bewährungshelfer sagte mir heute, dass ich wegen guter Führung ein Jahr früher entlassen würde.

Für einen Moment zucke ich zusammen, als ich eine metallische Reflektion erkenne. Es ist jedoch ein Kugelschreiber, den Robert in der Hand hält. In der anderen Hand befindet sich ein Zettel, aus einem Blatt Papier herausgerissen. Robert hebt seine Hand, um mir den Zettel zu geben. Sein Blick ist andächtig gesenkt. „Daniel, ich war bei dem Pfarrer, den wir, ähem ich damals beklaut hatte.“

2.Tagebucheintrag vom 24. Dezember 2001 Der Pfarrer fragte nach meiner Familie. Ich sagte ihm, dass meine Eltern nicht mehr leben. Er ließ nicht locker. Er wollte wissen, ob ich denn nicht eine Freundin oder Frau habe. Er sah auf die Bücher über die Minne, die ich mir in der Gefängnisbücherei ausgeliehen hatte. Er schlug eines auf und las vor. „Ez tuo ein edeliu frouwe, diu mir ist als der lip.“ Meinloh von Sevelingen, erwiderte ich. Er lächelte. Er meinte, dass ich es wohl wisse, aber nicht fühle, dass etwas zu tun sei. Diese Nacht schlief ich sehr schlecht und träumte von ganz vielen Mäusen, die in meinen Schlafsack schlüpfen wollten. Zitternd wachte ich auf und schrieb einen Brief, den ich anschließend zerknüllte und in den Papierkorb warf.

Ich sehe Robert mit großen Augen an. „Wie hat der Pfarrer reagiert, als Du ihn besucht hattest?“ Robert beugt sich leicht nach vorne, um mir hinter vorgehaltener Hand zuzuflüstern. „Daniel, er freute sich.“ Ich schiebe den Unterkiefer vor. „Niemand freut sich, wenn der Dieb ihn noch einmal heimsucht.“ Da ist wieder dieses koboldartige Grinsen in seinem Gesicht, das mit den tiefen Falten um seine Mundwinkel. „Daniel, Daniel. Ich habe ihm die 500 Euro wiedergebracht.“

3.Tagebucheintrag vom 24. Dezember 2001 Ich habe einen zweiten Brief geschrieben, einen an den Pfarrer. Ich bat ihn um eine Ausbildung zum Pfarrer.

Ich kann es nicht fassen. Robert lässt sich auf der Küchenbank nieder, neben seinem Rucksack. Ich setze mich ihm gegenüber auf einen Stuhl. „Robert, wie hast Du das geschafft?“ Er blickt an sich hinunter. „Das Jucken in meinem rechten, kleinen Zeh wurde immer stärker. Du weißt ja, dass dann etwas sehr Wichtiges passiert. Und so habe ich gespart, bis ich das Geld zusammen hatte.“ Schließlich streckt er mir den ausgefransten Zettel hin. Es steht eine Telefonnummer darauf. Und ein Name.

Tagebucheintrag vom 24. Dezember 2003 Ich schritt auf den betonierten Hof, vorbei an den hohen Mauern. Am Tor stand Elisabeth. Ich blieb stehen. Ich fühlte ein Stechen unter meinem linken Brustwirbel. Meine Füße dirigierten mich zurück in den Warteraum. Ich blieb da solange, bis sie weg war. Ich schämte mich so.

Robert steht auf, klopft mir auf die Schulter. „Du musst sie nur anrufen. Das ist alles.“ Mein Kopf sinkt nach unten, direkt in meine auf dem Tisch verschränkten Arme. „Robert, wenn Du wüsstest.“ Robert blinzelt. „Was weiß ich nicht?“

Tagebucheintrag vom 25. Dezember 2003 Ich war beim Pfarrer. Er half mir bei dem ganzen Papierkram. Er meldete mich zum Studium an. Nun wird es wohl ernst. Ich werde selbst Pfarrer.

Ich zittere leicht, so als würde ich frieren. Ich hebe meinen Kopf. Es ist Zeit, es zu sagen. Und Zeit sich darüber im Klaren zu sein, wer ich bin.

Tagebucheintrag vom 26. Dezember 2003 Der Pfarrer sprach wieder von Familie. Es sei Weihnachten. Ich erzählte ihm von Elisabeth und wie ich sie, bevor ich mit Robert umherzog, mit Worten verletzte. Schlimme Worte. Ich erzählte, dass sie am Tor stand. Ich erzählte ihm vom weggeworfenen Brief. Und von meiner Feigheit. Er sagte, wenn er mir verzeihen könnte, würde sie es auch können.

Robert legt seine Hand auf meine Schulter. „Los, Kumpel, sag’s schon.“ Meine Zähne klappern. „Ich bin feige.“ Sein Bauch bebt vor Lachen. „Du? Nicht ich?“ Mir wird bewusst, dass es Robert Überwindung gekostet hat, über diese „Brücke“ zu gehen. Er drückt meine Schulter. Und ich stehe auf, greife nach dem Hörer und wähle Elisabeths Nummer .

Tagebucheintrag vom 23. Dezember 2011 Ich dachte an eine Stelle in Ulrich von Zatzikhovens „Lanzelet“: von dem lande gienc ein brücke dar.

Endlich hebt jemand ab. Sanft wie hauchdünner vom Wind verwehter Pulverschnee klingt Elisabeths Stimme, als sie „Hallo“ sagt.